Berlin – Eine sonnige Reise mit ein wenig Schatten

Ein zweitägiger Kurztrip nach Berlin mit dem Lieblingsmenschen – Beste Voraussetzung für interessantes Sightseeing, kühle Biere im Sonnenschein und einfach zwei Tage der geistigen Zerstreuung.
Natürlich brauchten wir auch eine Unterkunft, um wenigstens ein paar wenige Stunden Erholung zu finden. Und genau diese Unterkunft bot genug Inspiration, um mich diesen Beitrag schreiben zu lassen. Man könnte nun trefflich darüber streiten ob es das wert war, aber jede Erfahrung will verarbeitet werden und daran möchte ich euch nun teilhaben lassen.
Nach einer sechsstündigen Autofahrt, wie immer begleitet von guter Musik, waren wir in Berlin angekommen und die Fassade des Hotels wirkte erstmal nicht besonders einlandend. Aber wie man ein Buch nicht anhand seines Einbandes beurteilen soll, wollten wir auch hier keine voreiligen Schlüsse ziehen und betraten das Gebäude.
Interessanterweise erstreckte sich das Hotel selbst nur über eine Etage des Mehrparteienhauses, welches ansonsten ein normales Wohnhaus zu sein schien. Dessen Bewohner wollte ich allerdings nicht näher kennenlernen, denn diese schienen ein gewisses Aggressionspotential in sich zu tragen, was ich den durch augenscheinlich mehrere Faustschläge zerbeulten Briefkasten entnahm. Ob die dort entladene Wut nun durch zu hohe Rechnungen oder schriftlich zugestellte Haftbefehle ausgelöst wurde, ist nicht bekannt und bietet Raum für mannigfaltige Spekulationen.

Wir bahnten uns also den Weg über einen durch mehrere Löcher in Mitleidenschaft geratenen Teppich, der mit seinem einzigartigen Charme die Treppe ungemein schmückte und erreichten endlich das Hotel selbst, wo uns eine nicht besetzte Rezeption erwartete, welche aber immerhin eine Klingel für genau diesen Zweck bereithielt. Diese wurde betätigt, was aber leider keine Reaktion nach sich zog.
Doch dann trat ein Mann aus einem Zimmer, der offenbar zum Personal des Hotels gehörte und uns sehr einladend und sympathisch begrüßte: „Frau kommt gleich.“, um daraufhin wieder zu verschwinden.
Diese Art, Gäste zu begrüßen, war mir neu und sollte sich meiner Meinung nach nicht unter den Hoteliers dieser Welt durchsetzen.

Tatsächlich erschien dann auch nach wenigen Minuten die besagte Frau und begrüßte uns recht freundlich, hatte aber gleichzeitig die traurige Nachricht, dass unser Hotelzimmer, statt wie vereinbart um 14.00, erst zwanzig Minuten später bezugsfertig wäre.
Also nahmen wir auf der mehr oder weniger einladenden Ledercouch Platz, die so aussah, als würde sie einige gänsehauterregende Geschichten erzählen können, wenn sie denn sprechen würde, dies tat sie aber glücklicherweise nicht. So hatten wir die Gelegenheit, ein paar Gäste und Personal des Hotels beobachten zu können und lauschten der offenbar türkischen Musik, was uns teilweise vergessen ließ, dass wir uns in Berlin befanden, weil bis auf uns niemand Deutsch sprach.

Über der Rezeption waren Uhren angebracht, die verschiedene Zeitzonen zeigen sollten. Dieser an sich nützliche Service wurde allerdings dadurch ad absurdum geführt, dass die Uhrzeiten nicht korrekt waren.
Eine nicht besonders motivierte Putzfrau brachte dann aber die frohe Kunde, dass das Zimmer nun fertig vorbereitet war und wir bekamen die Schlüssel ausgehändigt. Dabei sollte laut der Beschreibung des Hotels der runde Schlüssel die Außentür öffnen und der eckige das jeweilige Hotelzimmer. Leider waren beide Schlüssel eckig, dafür war auf einem von beiden aber ein lächelnder Smiley abgebildet. Immerhin der freute sich.
Der Weg zum Zimmer führte durch einen verwinkelten Gang, der im Dunkeln durchaus etwas Horrorfilmatmosphäre bieten würde. In Kombination mit der teilweise eher zufälligen als numerischen Anordnung der Zimmer wirkte die ganze Szenerie ein wenig surreal.

Das Zimmer selbst war auch mit der zusätzlichen Vorbereitungszeit keine komforttechnische Offenbarung. Als wir versuchten, das doppelte Fenster zu öffnen, war dies nur mit etwas handwerklichem Geschick möglich, da eine provisorisch befestigte (und übrigens krumme) Schraube ein Öffnen zunächst verhinderte. Dies sollte offenbar Suizidversuche unterbinden, die angesichts dieser trostlosen Umgebung ein tatsächliches Risiko zu sein schienen. Schlussendlich ließ sich das Fenster aber doch öffnen und offenbarte einen wunderschönen Ausblick auf die viel befahrene Autobahn und stark frequentierte S-Bahnhaltestelle, was eine sehr geräuschlose Nacht versprach.
Auch die Installation des Fernsehers offenbarte eine gewisse Seltsamheit, denn dieser war erstens nur knapp größer als ein Tablet-PC und war zweitens in einer Höhe und Ausrichtung fixiert, dass er von keiner Position im Zimmer auch nur ansatzweise gut zu betrachten war. Wenn man es den Hotelbesitzern positiv anrechnen wollte, könnte man sagen, dass diese die Hotelgäste damit ermuntern wollen, sich die Stadt anzuschauen und nicht das Fernsehprogramm.

Das Badezimmer hatte Potential für klaustrophobische Erlebnisse, denn die gefühlten eineinhalb Quadratmeter Raum waren nicht nur an sich sehr beengend, die Einrichtung war dazu noch derart unvorteilhaft, dass der Weg in die Dusche über die Toilette führte, was im worst case einige gerissene Bänder, gebrochene Knochen oder ausgekugelte Gelenke bedeuten könnte.
Auch der Geruch sprach nicht für eine intensive Reinigung, die durch die lange Vorbereitungszeit zu erwarten gewesen wäre. So bewaffneten wir uns später zunächst mit Desinfektionsspray, damit das Bad einer Generalreinigung unterzogen werden konnte.
Die Dusche offenbarte am Morgen noch ihre überraschenden Qualitäten, die darin bestanden, dass sich große Menschen nur geduckt unter den Duschkopf stellen können und die Einstellung der Temperatur eigentlich hinfällig war, weil diese gerne mal plötzlich stark abkühlte oder sich aufheizte. Wahrscheinlich war dies eine Überraschung des Hauses.

Das Frühstück am Morgen konnte dann auch nicht mehr positiv herausstechen, da Brötchen und Brot wirkten, als wären sie vom Vortag (selbst das ist eigentlich noch ein Euphemismus) und die restlichen Lebensmittel von mir nicht bekannten Marken lösten ebenso wenig geschmackliche Euphoriewellen aus, so kam auch keine besondere Lust auf, sich satt zu essen.
Unter dem Strich ist für mich unerklärlich, wie dieses Hotel eine doch durchschnittliche Bewertung erzielen kann. Entweder waren unsere Ansprüche zu hoch, was ich mir angesichts meiner schnell eintretenden Zufriedenheit nicht erklären kann oder der ominöse Unbekannte, welcher für die zerbeulten Briefkästen verantwortlich ist, hat jeden Verfasser einer negativen Rezension davon… überzeugt, seine Meinung zu ändern.

Schlussendlich waren wir froh, als wir das Badezimmer und das Hotel an sich endlich verlassen konnten und Berlin unsicher machten. Hierbei entlarvten wir uns schnell als ahnungslose Touristen, als wir einen gewöhnlichen Linienbus für einen Stadtrundfahrtbus hielten und nach einer Tageskarte fragten.
Doch wir fanden dann tatsächlich noch das Objekt unserer Begierde, hierbei ein großer Dank an die Fahrerin, welche uns kostenlos mitfahren ließ.
Ein weiterer Dank gebührt den vielen Menschen, welche die geschichtsträchtigen Orte Berlins für die Nachwelt erhalten und so spannend gestalten.
Und natürlich danke für einen bezaubernden Irish Pub, der uns den Abend so wundervoll bei Guinness, Fußball, Livemusik und ganz viel positiver Energie ausklingen ließ.

Mein größter Dank gehört aber meiner wundervollen Begleitung, die diese zwei Tage wieder einmal unvergesslich machte und sich nun hoffentlich angesprochen fühlt. Auf noch unzählige weitere Reisen mit dir (wenn auch in angenehmeren Hotels…)!

 

 

6 Kommentare zu „Berlin – Eine sonnige Reise mit ein wenig Schatten

  1. Welches Hotel das war, möchtest du wohl nicht verraten, oder? Komm schon, wenigstens in welcher Gegend / welchem Stadtteil es sich befindet 😉 In Rom hab ich mal in einem Haus gewohnt – also als Touristin – in dem befanden sich gleich drei Hotels, jedes auf einer Etage. Das hatte irgendwie was.

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      1. Das kann ich natürlich verstehen 😉
        Interessant, die Lage. Eigentlich eine „bessere“ Gegend. Naja, Berlin ist auch nicht mehr was es mal war (spricht die Berlinerin, aber sie meint es nicht böse 😊)

        Gefällt 1 Person

  2. Ick wusste ja nich, das bei uns solche Abstiegen legal sind? Und nach deiner Beschreibung hatte ich eher den Eindruck, ihr wärt in einer Spandauer Geldwäschemelunke jelandet. Wo und wie in Gottes Namen habt ihr denn dieses „Hotel“ nur gefunden? Ich hätte mehrere hundert bessere (und auch preiswerte) Unterkünfte in der Stadt (und Citynähe) nennen können. Am besten nächste Mal auf airbnb.de schauen. 😉

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