Bild vs Gangsterrap, again.

Zwei extrem erfolgreiche Musiker werden für den Echo nominiert. Ein nicht weiter zu kommentierender Prozess, sollte man meinen. Jedoch nicht, wenn diese beiden Künstler Kollegah und Farid Bang heißen, welche mit ihrem aktuellen Kollaboalbum Jung Brutal Gutaussehend 3 mehrere Verkaufsrekorde brachen. Und das mit eigentlich nicht massentauglichem Gangsterrap.
Man mag von diesem Genre halten, was man will, aber es ist ein Musikgenre wie jedes andere auch und Kollegah und Farid Bang sind Meister der provozierenden Unterhaltung, die aber rein musikalisch auf hohem Niveau agiert.
Aber das hier soll keine musikalische Tiefenanalyse werden, Anlass dieses Beitrags ist der wiederholte Versuch der Bildzeitung und des TV-Senders RTL, Kollegah und Farid Bang als asozial und antisemitisch zu diskreditieren und jeden, der ihre Musik lauscht als potentiellen aggressiven Gewalttäter darzustellen.
Schauen wir uns einmal ein paar Beispiele an, die in diese Richtung zielen:

„Ihre Texte sind voller Gewalt und Antisemitismus. Doch jetzt könnten sie dafür sogar einen Preis bekommen.“

Sie sollen den Preis sicher nicht dafür bekommen, dass sie möglichst viele verbale Gewalttätigkeiten verwenden, sondern aufgrund der Tatsache, dass sie mit ihrer Musik verdammt erfolgreich sind.
Und ja, sie spielen mit der extremen Übertreibung von Gewaltbeschreibungen, Beleidigungen und anderen Obszönitäten. Kunst ist vielfältig. Und auch wenn das nicht in das Stammhirn eines durchschnittlichen Bildredakteurs dringen will, das ist Kunst. Zu den vor allem bei Kollegah überdurchschnittlichen lyrischen Fähigkeiten kommen wir später noch, aber allein die Tatsache, Gangsterrap die Nutzung solcher expliziten Begriffe vorzuwerfen, ist vollkommener Schwachsinn.
Das Filmgenre des Splatter-Horrorfilms benutzt Gewaltdarstellungen, genauso wie Filme über Krieg oder Actionfilme an sich. Die Gewaltdarstellungen werden in keiner Weise verherrlicht, sie gehören eben zu diesem Genre dazu. Das mag man für sich selbst gut oder nicht gut finden, ist aber niemals ein Skandal, da es nicht um Gewalt an sich geht, sondern die Unterhaltung des Hörers durch die übertriebene Darstellung ebendieser.

 

„Rebecka Heinz, „Echo“-Geschäftsführerin, zu BILD: „Die Sprache des Battle-Rap ist hart und verbale Provokationen sind ein typisches Stilmittel. Die Kunst- und Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, angesichts der Textzeilen in ‚0815‘ haben wir aber tatsächlich den Ethik-Beirat gebeten, sich mit dem Produkt zu beschäftigen.“ 

Allerdings geschah dies erst auf Anfrage von BILD – Obwohl die Nominierungen seit dem 8. März feststanden.“ 

Dass es bis dahin keine Bedenken in der Geschäftsführung des ECHO gab, mag daran liegen, dass diese Menschen Musik objektiv betrachten, ungeachtet ihrer eigenen Wertvorstellungen. Aber das ist ja unhaltbar, man muss ein Album von zwei deutschen Rappern unbedingt zu einer Gefahr für die Jugend hochstilisieren, weil es ja ungleich einfacher ist, zwei polarisierende Künstler zur Zielscheibe polemischer Kritik zu machen, anstatt echte Probleme anzugehen.

„Offenbar hat die aktuelle Regierung aber kein Problem mit Zeilen „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ oder „Nach einem Schlag denkst du, dich hätt ein Lkw überfahr’n. Als wärst du aufm Weihnachtsmarkt““

Glücklicherweise hat die aktuelle Bundesregierung ihren Fokus auf dringendere Probleme gelegt als ein Exempel an Musikern zu statuieren. Diese beiden Vergleiche sind ohne Frage provozierend obszön. Aber genau das ist eben das Stilmittel, dass hier angewandt wird. Davon wird niemand gewalttätig oder antisemitisch, es dient lediglich der Unterhaltung.

Nachdem dieser Artikel bis auf haltlose Anschuldigungen und furchtbar dramtisierte Hetze wenig gehaltvoll war, wollen wir unseren Blick auf den Rapper Kollegah richten, welcher sich seit mehreren Jahren großer Beliebtheit erfreut und Erfolge am Fließband feiert.
Kollegah hat den Begriff „Zuhälterrap“ geprägt. In diesem Genre rappt er grob zusammengefasst als eine Kunstfigur über den Alltag im Rotlichtmilieu mit Drogen, Waffen, Prostitution und Gewalt. Natürlich ist das nicht jedermanns Geschmack, aber wenn man sich darauf einlässt, entdeckt man lyrische Fähigkeiten auf einem absolut überragenden Niveau, was Reimstruktur, Komplexität der Vergleiche und den Wortschatz angeht. Hier sei allen der Track Rapkoryphäe ans Herz gelegt

„Bin ein seltener Phänotyp der Homo-sapiens-Gattung ohne wahren Schwachpunkt
Ein Humanoid, anstatt des Pulsschlags ein Beat
Der mir Takt für Takt die Silben durch die Blutbahnen schießt, ein Superhybrid
Komme von einem anderen Planetenkreis, strahle wie Edelweiß
Die Überlegenheit jeder Karrierestein, zerlegenden Line und jeden Rhymes
Die ich bei Recordings virtuos durch Beats feure
Liegt in meiner Desoxyribonukleinsäure“

Hier soll es absolut nicht um inhaltliche Analysen geben. Aber allein der Wortschatz udn die Reimstruktur ist einfach unglaublich beeindruckend. Wer es schafft, einen einigermaßen sauberen Reim auf „Desoxyribonukleinsäure“ zu finden, der kann zurecht als lyrischer Virtuose bezeichnet werden.

Und abseits des polarisierenden Rapperimages nutzt Kollegah seine Reichweite und seinen erworbenen Reichtum für humanitäre Hilfe. Eine gegründete Stiftung und Engagements in Krisengebieten in Palästina, bei denen Kollegah selbst Hilfe vor Ort geleistet hat, zeigen, dass dieser Mensch keine Gewalt fördert, im Gegenteil. Er ist an einer besser harmonierenden und zusammenarbeitenden Gesellschaft interessiert.
Darüber hinaus haben er und Farid Bang es geschafft, Jugendliche zum Sport zu führen, indem sie einen Fitnesslifestyle geprägt haben und haben sie für die deutsche Sprache und das Spiel mit ebendieser begeistert.
Zum Beispiel ich hab es vor allem Kollegah zu verdanken, dass ich diesen Blog hier schreibe. Und das kann man auch einfach mal anerkennen, ohne wieder polemischen Hass in der Gesellschaft zu schüren.

4 Kommentare zu „Bild vs Gangsterrap, again.

  1. Danke für diesen Beitrag! Kollegah ist nun wirklich nicht meine Art Musik, aber diese hohle Berichterstattung ging mir auch total auf den Keks! Anstatt die positiven Aspekte – wie eben der Umgang mit der deutschen Sprache u.a. – hervorzuheben, wird lieber gehetzt. Klar, bringt mehr Leser, um was anderes gehts doch nicht mehr, weder der BILD noch dem Focus, mittlerweile nehmen sich beide nichts mehr beim Niveau. Echt traurig! Ich sehe es jedenfalls wie du und hoffe, dass dein Text viel gelesen wird.

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  2. Ich hätte in den letzten Tagen zu oft zu gerne diesen deinen Beitrag an verschiedenen Stellen verlinkt. Was gerade in der „Medienlandschaft“ zu diesem Thema läuft, ist *hier bitte ein kotzendes Irgendwas einfügen*.

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