Ein Nachmittag mit den Kollegen

Dezernatsausflüge sind was Tolles! Denjenigen unter euch, die in der freien Wirtschaft arbeiten, dürfte der Begriff „Betriebsausflug“ geläufiger sein, die Essenz ist jedoch dieselbe: Man verbringt ein paar Stunden (oder auch ein paar mehr) mit den Kollegen, die man unter Umständen eh bereits in der Summe länger zu Gesicht bekommt als seine Familie, um im besten Fall das zwischenmenschliche Miteinander und die Teamfähigkeit zu steigern.
Und ich kann mich glücklich schätzen, denn ich habe unfassbar sympathische und hilfsbereite Kollegen, die die mitunter Überhand nehmende Arbeit um einiges erträglicher machen. Insofern freue ich mich immer sehr auf unsere Dezernatsausflüge.
In diesem Jahr haben wir eine der mittlerweile weit verbreiteten Krimitouren gebucht, in der es unsere Aufgabe war, einen fiktiven Mordfall mithilfe einiger Zeugen (welche sich in unserer Gruppe befanden) und anderer Indizien zu lösen.
Und man sollte meinen, für einen tatsächlich beträchtlichen Preis von knapp 400 Euro für eine Gruppe von 15 Personen sollte man interessante Hinweise und scheinbar unbekannte Zeugen erwarten können, die es zu befragen gilt. Dem war nicht so.
Aber fangen wir von vorne an:

Schon die Begrüßung durch unseren Instruktor machte mich ein wenig stutzig, da er uns sofort auf eine Flasche Wacholderschnaps einladen wollte, die wir doch bitte leeren mögen. Eine an sich nette Geste, die aber unweigerlich den Gedanken hervorrief, ob wir die kommenden zweieinhalb Stunden nur unter Alkoholeinfluss unterhaltsam finden würden.
Danach wurden wir in drei Gruppen eingeteilt, da ein gewisser Wettbewerb ja immer unterhaltsam ist und uns wurden Rollen verschiedener Zeugen zugewiesen. Ich wollte zuerst fragen, ob es nicht kontraproduktiv sei, dass Zeugen und mögliche Verdächtige zum Ermittlerteam gehören, wenn wir tatsächlich das Gefühl von Authentizität entfallten wollten. Aber ich wollte ja nicht gleich als Spielverderber gelten, also gab ich dem ganzen eine Chance.

Wir wurden dann von dem Leiter der ganzen Veranstaltung durch den Düsseldorfer Medienhafen geschickt, um Hinweise zu ermitteln und bekamen dabei den „unauffälligen“ Hinweis, eine bestimmte Bäckerei aufzusuchen und die Menschen dort zu befragen.
Nun, man sollte davon ausgehen können, dass genau diese Menschen in dieser Bäckerei dann auch über ihre Rolle Bescheid wüssten. Auch damit lag ich falsch.
Während ein Kollege von mir ging vollkommen in seiner Rolle als Ermittler in einer Mordkommission aufging und sofort mit einem eindringlichen Verhör der Bäckersfrau begann, welche von nichts wusste und augenscheinlich kurz davor war, die Polizei zu rufen, befragte eine weitere Kollegin einen offenbar dementen Mann, ob er Manfred, unser fiktives Opfer, kenne, was diesen vollkommen verunsicherte und die Verkäuferin leicht erzürnte. Der Höhepunkt war allerdings, als meine eifrigen Kollegen damit begangen, die Jacke eines Kunden zu durchsuchen, der offenbar die sanitären Einrichtungen dieser Lokalität aufgesucht hatte und, das will ich an dieser Stelle nochmals betonen, auch nur ein normaler Kunde war.
An diesem Punkt hielt ich mich vorsorglich etwas im Hintergrund, da ich die Sorge hatte, die Jacke würde einem zwei Meter großen Hünen gehören, der eventuell nicht erfreut darüber wäre, wenn mehrere ihm unbekannte Menschen seine Jacke durchsuchen und von einem toten Manfred reden.
Da es aber weder zu einer Eskalation, noch zu einem nennenswerten Ermittlungserfolg kam, verließen wir die Bäckerei und kehrten zu unserem vereinbarten Treffpunkt zurück, wo unser Veranstaltungsleiter ein paar schöne Momente mit der noch recht gut gefüllten Flasche Wacholderschnaps verbrachte und auf Nachfrage erklärte, die Mitarbeiter dieser ominösen Bäckerei hätten ihm schon mehrfach versichert, dass sie kein Interesse an diesem Rollenspiel hätten, aber er würde nicht aufgeben. Respekt für diese Beharrlichkeit, aber mich würde es nicht wundern, wenn dieses Vorgehen irgendwann in einer Unterlassungsverfügung endet.

Da auch die Stimmung bei meinen Kollegen mittlerweile wenig enthusiastisch war, wurde ein kleines „Minispiel“ eingeläutet, das mit einem Paar Handschellen zu tun hatte. Auf die Nachfrage, ob jemand von uns mit dieser Gerätschaft Erfahrung hätte, meldete sich ein Kollege mit einem euphorischen „Damit kenne ich mich aus!“, was für allgemeine Heiterkeit sorgte.
Die Aufgabe bestand nun darin, dass jedes Mitglied einer Gruppe die Handschellen einmal tragen musste und welche Gruppe diesen Vorgang zuerst abgeschlossen hat, gewann ein paar Zusatzpunkte. Ich würde an dieser Stelle gerne sagen, dass es spaßiger gewesen wäre, als es klingt, aber das wäre eine dreiste Lüge.
Nachdem wir auch dieses Intermezzo abgeschlossen hatten, ging es auf die Zielgerade unserer Ermittlungen, welche nicht weiter erwähnenswert ist. Nur zur Vervollständigung meines Berichtes sei euch die Lösung des Falles verraten. Manfred war erbost darüber, dass die Katze von Barbara, einer Quasi-Nachbarin von ihm, seine Zierfische gefressen hatte, woraufhin er ihre Katze vergiftete, worauf sich Barbara rächte, indem sie Manfred mit Blausäure vergiftete.
Nachdem dieser Fall geschlossen und abgeheftet werden konnte, rechnete unser Instruktor noch anhand unserer Ermittlungsbögen aus, welches Team am besten abgeschnitten hatte, wobei die konkrete Berechnungsbasis sein Betriebsgeheimnis blieb (ich vermutete ja, es hätte etwas mit Würfeln und dem Zufall zu tun) und ehrte das Gewinnerteam mit einer Schachtel Pralinen.
Und endlich konnten wir in das Lokal weiterziehen, in dem wir ein paar Tische reserviert hatten und ein paar tatsächlich äußerst unterhaltsame und schöne Stunden verbringen, was den Tag sehr positiv abrundete.

4 Kommentare zu „Ein Nachmittag mit den Kollegen

  1. Es würde mich nicht überraschen, wenn der Veranstaltungsleiter Manfred heißt und die arme Bäckersfrau auf den namen Barbara konditioniert wurde. Und wie das ausgeht, wissen wir ja bereits.

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