Astrologischer Wochenstart #29

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und während gestresst von einer Weihnachtsfeier zur nächsten und dann noch ins nächstgelegene Einkaufszentrum eilen, wollen wir an diesem kalten Montag noch einmal ein wenig zur Ruhe kommen und in mittlerweile bewährter Manier ein Horoskop auf seine Plausibilität überprüfen.
Heute betrachten wir den Alltag von Sarah, einer jungen Studentin der Sozialpädagogik, welche zur Adventszeit Weihnachtsbäume verkauft, um ihre Finanzen ein wenig aufzubessern. Sarah ist unter dem Sternzeichen des Krebses geboren und bekommt jeden Tag eine Push-Nachricht mit ihrem neusten Horoskop. Laut eigener Aussage nur „aus Spaß“…
Viel Spaß mit einem Ausschnitt aus ihrem aufregenden Dasein:

Das morgendliche Sonnenlicht erleuchtete die aus goldenem Plastik bestehende und somit besonders wertig wirkenden Buddhafigur im Schlafzimmer, als der Ruf des Andenklippenvogels aus Sarahs Smartphone erklang und die wohlige Stille durchbrach. Markus, Sarahs Lebensabschnittsgefährte (wobei man bei Sarahs Engagement im Studium durchaus die Vermutung anstellen kann, dass sich dieser Lebensabschnitt noch deutlich hinzieht), öffnete die rollenden Augen. Man sollte meinen, irgendwann hätte seine Freundin den gesamten tropischen Regenwald als Wecker ausprobiert, doch Sarah bewies dabei einen gewissen Ehrgeiz, für jeden Morgen ein neues wunderschönes Geschöpf Gottes zu finden und dementsprechend wachte sie mit einem Lächeln auf und las sich ihr heutiges Horoskop durch:

Liebe

Eine Venus-Spannung kann Ihnen die Liebessuppe leider ein wenig versalzen. Sie sind emotional manchmal etwas unsicher und halten sich deshalb zu stark zurück. Daraus könnte der Partner aber ganz falsche Schlüsse ziehen. Verschließen Sie sich also nicht; kommen Sie lieber raus mit den Zweifeln. Die lassen sich schnell klären.

Beruf

Schnelligkeit ist nicht gut, sondern höchstens Ursache für völlig unnötige Fehler und Pannen, die Sie besser vermeiden sollten. Arbeiten Sie deshalb betont konzentriert und gründlich. Neuen Offerten sollten Sie nicht mit blinder Begeisterung, sondern gesunder Skepsis begegnen. Dann treffen Sie auch die richtigen Entscheidungen.

Gesundheit

So, wie es momentan aussieht, sind Sie ganz schön gefordert. Da ist es dann auch kein Wunder, wenn die Nerven mal ins Flattern kommen. Beruflicher Stress lässt sich zwar nicht immer verhindern, doch privaten können Sie gewiss minimieren. Setzen Sie in der kostbaren Freizeit mehr auf Entspannung – und auf ganz viel Seelenbalsam.

Markus sah aus den Augenwinkeln die kursive Schrift auf Sarahs Handybildschirm und rollte erneut mit den Augen. Eine häufige Bewegung, seit er sein Leben an ihrer Seite führt.
„Dass du dir jeden Morgen diesen Mist durchliest.“, raunzte er genervt und verschwand ins Bad.
Sarah fühlte sich in ihrem Horoskop bestätigt und war sehr verunsichert.

Nach einem kräftigen Schwarzwurzeltee machte sich Sarah auf den Weg durch die Kälte zum Tannenverkauf, wo sie in der Weihnachtszeit zu arbeiten pflegte. Es warteten auch schon einige Kunden, teilweise genervt, was aber nicht an einer etwaigen Verspätung Sarahs lag. Nein, zur Besinnlichkeit der Weihnachtstage gehörte für viele Menschen offenbar eine grundsätzliche Genervtheit.
Jedenfalls wurde Sarah wegen des kurzen Geduldsfadens ihrer Kunden von Besitzer des Hofs, Herr Schmitz, zur Eile angemahnt und sie machte sich ans Werk.
Während sie einen Tannenbaum nach dem anderen routiniert in Netze einpackte, um den Transport der tiefgrünen Nadelbäume einfacher zu gestalten, sah sie sich auf dem Hof um, wie sie es schon so oft getan hatte. Familie Schmitz hatte ganze Arbeit geleistet, ihr Zuhause so kleinbürgerlich wie möglich zu gestalten: Gartenzwerge mit weihnachtlichen Mützen posierten dort in verschiedenen Posen, die Frau Schmitz gerne und oft als „drollig“ bezeichnete, ein Wetterhahn drehte sich im Wind, eine Winkekatze winkte den Besuchern aus dem Wohnzimmerfenster freundlich zu und ein Plastikvögelchen, das mit einem Bewegungsmelder ausgestattet war und somit bei jeder Bewegung vor ihm eine „drollige“ Melodie pfiff, stand in einer Ecke des Hofs, was wenig durchdacht war, da sich in den Zeiten des Weihnachtsbaumverkaufs sehr viele Menschen auf dem Grundstück befanden, die sich durchaus bewegten und somit das endlose Gepfeife die Gefahr mit sich brachte, dass labile Menschen die Axt, die eigentlich zum Spalten von Feuerholz diente, missbrauchten, um menschliche Schädel zu spalten. Solch ein betrüblicher Zwischenfall war bisher glücklicherweise ausgeblieben und so fand eine Nordmanntanne nach der anderen einen neuen Besitzer, von denen die meisten im Laufschritt den Hof verließen. Es lässt sich nicht ergründen, ob sie in dieser geschäftigen Zeit so sehr in Eile waren oder aber einen Ausbruch ihrer wachsenden Aggressivität durch das „drollige“ Vögelchen fürchteten.

Eine gewisse Routine und daraus resultierende Langeweile hatte sich eingestellt, das einnetzen von Tannenbäumen setzte nicht die größten kognitiven Reserven voraus und auf einmal fiel Sarah ein Drehschalter an der Maschine auf. Nach näherer Untersuchung stellte er sich als Geschwindigkeitsregler heraus und Sarah erinnerte sich in ihrer Trance nur noch an das Wort „Schnelligkeit“ und schaltete die Maschine auf maximale Kraft. Ein furchterregendes Röhren erfüllte den Hof und Sarah packte wild entschlossen den ersten Tannenbaum in die Maschine. Dieser wurde mitsamt Netz einer Kanonenkugel gleich aus der Öffnung geschossen und zerschellte glücklicherweise am Zaun.
Sarah war aber weiter überzeugt von sich, nun wusste sie ja, dass sie vorsichtig sein sollte. Sie ließ sich nicht von den verängstigten Kunden, von denen die ersten bereits das Gelände verließen, von ihrem Plan abbringen und lud einen weiteren Baum in die potente Maschine.
Auch dieser schoss aus der Maschine hervor, flog über den Zaun auf die Hauptstraße, von der man kreischende Bremsen mehrerer PKW wahrnahm.
„Beim dritten Mal muss aber klappen“, dachte sich Sarah, drehte die Maschine aber vorsichtshalber zur Seite. Sie lud umsichtig einen weiteren Baum hinein und wieder flog er mit hoher Geschwindigkeit aus der Maschine hervor und traf unglücklicherweise das Wohnzimmerfenster, welches zerbarst, die Winkekatze verlor ihre winkende Pfote und Frau Schmitz wurde aus der nervenaufreibenden Handlung ihrer Lieblingssendung „Sturm der Liebe“ gerissen.
Ebenfalls gerissen wurde Sarah aus ihrer blinden Begeisterung und bei Herrn Schmitz riss der Geduldsfaden, als er aus dem Haus trat und das Chaos erblickte. Er schickte Sarah hinfort, sie solle nie mehr wiederkommen und auch die Winkekatze konnte ihr nicht ein letztes Mal zum Abschied winken…

Vollkommen gestresst kam Sarah zuhause an und arbeitete sofort daran, wieder ihren Ruhepuls von geschmeidigen 50 Schlägen pro Minute zu erreichen: Sie legte ihre Lieblings-CD mit den entspannendsten Klängen des ecuadorianischen Urwalds ein und zündete unzählige Räucherstäbchen an und versank in eine tiefe Meditation (eigentlich würde ich es „Schlaf“ nennen, aber dann würde eindeutig der esoterische Touch fehlen). Als Markus nach Hause kam, sah er besorgniserregende Rauschwaden aus dem Türschlitz emporsteigen und stürmte in die Wohnung. Er war ungestüm die Räucherstäbchen aus dem Fenster und schüttelte Sarah, bis sie endlich aufwachte aus ihrer Trance zurückkehrte. Fünf Minuten lang tobte er, ob sie denn verrückt war, warum sie 58 Räucherstäbchen auf einmal in einer kleinen Wohnung anzündete und alle Fenster schloss, warum noch niemand die Feuerwehr gerufen hatte und warum sie sich dauernd in so eine Gefahr brachte. Untermalt wurde dieser Monolog vom Gesang eines Schwarzschnabeltukans, was Markus‘ Autorität ein wenig schmälerte. Dennoch war Sarah höchst verunsichert und floh in ihre Unibibliothek.
Markus schüttelte den Kopf , schaltete Fußball ein und nickte am Scotch, den er in seinem Nachttisch versteckte, da Sarah der festen Überzeugung war, dass allein die Existenz von Alkohol in der Nähe ihren Geist einengte. Markus hingegen frönte dieser Enge, während Sarah in der Bibliothek mit einem Buch über „antiautoritäte Lehrmethorden“ ihre Seele balsamierte. Diese Gegensätze der beiden mögen gravierend erscheinen, waren aber tatsächlich die Gewürze in ihrer Liebessuppe.

 

3 Kommentare zu „Astrologischer Wochenstart #29

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