Astrologischer Wochenstart #28

Die erste hauchdünne Schneeschicht hat sich auf der Erde niedergelassen und freudestrahlende Menschen steigern ihre morgendliche Vitalität durch rhythmisches Kratzen der Windschutzscheibe ihres automobilen Gefährts bei Minusgraden, all diese Eindrücke machen diesen ersten Montagmorgen im Dezember zu etwas ganz Besonderem.
Dementsprechend wird es auch wieder einmal Zeit für einen besonderen Blick auf die Welt der Astrologie. Wieder einmal wollen wir einen Tagesablauf anhand eines Horoskops konstruieren. Ich bin gespannt, was uns heute unter dem Sternbild der Zwillinge erwartet…

Liebe

Amor scheint gerade anderweitig beschäftigt zu sein. Da ergreifen Sie am besten selbst die Initiative, um den Beziehungsalltag ein wenig aufzumischen. Treffen Sie aber keine Entscheidungen ohne den Partner. Wenn er sich übergangen fühlt, kann es leichten Frust geben. Der eine oder andere Kompromiss ist auch ganz hilfreich.

Beruf

Nichts gegen neue Ideen und Projekte. Behalten Sie dabei aber die Realität im Auge. Denn wenn Sie Ihren Chef von allzu abgehobenen und unausgereiften Plänen und Vorstellungen überzeugen wollen, riskieren Sie womöglich seine Gunst. Stellen Sie also erst ein paar vernünftige Überlegungen an, bevor Sie an seine Tür klopfen.

Gesundheit

Mars macht Sie zwar weiterhin mobil und einsatzfähig, doch eine Sonne-Spannung bremst die Vitalität. Setzen Sie sich deshalb nicht selbst unter Leistungsdruck. Sie werden dann nervös und verzetteln sich womöglich. Außerdem kann zu viel Stress auf den Magen schlagen. Gehen Sie immer schön systematisch ans Werk.

Wie jeden Morgen ließ sich Anja vom sanften Gesang eines tibetanischen Mönches wecken und griff danach sofort zu ihrem iPhone 7S in Roségold, um ihr Horoskop zu checken. Anja war nämlich fest davon überzeugt, dass die Sterne ihr seit jeher den Weg in eine leuchtende Zukunft offenbarten. Dieser Weg hatte sie bisher in die heiligen Hallen der renommierten „Hundeschau“ geführt, einer Zeitung über…Hunde. Dort war sie für das Design der Titelseite verantwortlich, was bedeutete, dass sie an jedem Tag acht Stunden damit verbrachte, Bilder von niedlichen Hunden in verschiedensten Posen auf dem Cover einer Zeitschrift zu positionieren, um ein stimmiges Gesamtbild zu erzeugen. Eine Tätigkeit, die nach einigen Jahren zwangsläufig zu einer massiven Psychose führen muss.

Lukas, Anjas Freund, bot sich jeden Morgen dieselbe Szenerie: Anja, die überraschte Laute wie „Oh“, „Oh mein Gott“ und „Oha!“ von sich gab, während ihre Augen nur wenige Zentimeter vom morgens um 5.30 Uhr viel zu hell eingestellten Bildschirm ihres Smartphones entfernt waren, untermalt von hypnotischem Mönchsgesang.
Manch einen würde dieses seltsame Verhalten abschrecken, doch Lukas lächelte. Entweder liebte er Anja für genau dieses Gebaren von ganzem Herzen oder aber er war so abgestumpft, dass er diese Verrücktheit in Kauf nahm, immerhin bekam er dafür warmes Essen serviert und sein Anteil der Wohnungsmiete war nur noch halb so hoch.

Wie jeden Morgen konnte sich Anja nicht zwischen ihren beiden Lieblingsteesorten entscheiden: Kamille-Ingwer oder doch Löwenzahn-Rooibos? Sie erinnerte sich an ihr Horoskop und wartete geduldig, bis Lukas aus dem Bad kam. Immerhin sollte sie keine Entscheidung ohne ihren Partner treffen.
Lukas fand seine Freundin regungslos vor dem Küchenregal stehen. Er interpretierte dies als eine kreative Pause (hoffentlich kein Schlaganfall) und setzte sich, um die noch von der winterlichen Kälte erfüllte Tageszeitung zu studieren.
Anja unterbrach die morgendliche Stille: „Kamille-Ingwer oder Löwenzahn-Rooibos?“
„Du weißt doch, dass ich Kaffee trinke, dein Gestrüpp kannst du behalten.“, antwortete Lukas irritiert.
„Nein, ich meinte, welchen Tee ich trinken soll!“
„Was hab‘ ich denn damit zu tun? Wirf halt eine Münze…“
„Aber ich darf doch keine Entscheidung ohne dich treffen! Lukas, das könnte unsere gemeinsame Zukunft entscheidend beeinflussen!“
„Alles klar… Dann den ohne Ingwer, der beißt immer so in meiner Nase.“, antwortete Lukas, die rollenden Augen glücklicherweise hinter der Zeitung verborgen.

Bald darauf machte sich Anja auf den Weg in die Redaktion. Wer es nicht wusste, hätte hinter diesem baufälligen Gebäude nicht das journalistische Zentrum eines so gewichtigen Werkes wie der Hundeschau vermutet, doch man schätzte offenbar ein gewisses Understatement.
Es herrschte ein geschäftiges Treiben, man konnte die kreative Atmosphäre geradezu greifen. Anja sagte jedem, der es hören wollte oder nicht (letzteres überwog meist), dass hier die besten Journalisten des Landes vereint waren und in ihrer Leidenschaft vereint über des Menschen besten Freundes philosophierten und literarische Meisterwerke zu Papier brachten. In der kommenden Ausgabe sollte es laut der Chefredakteurin, die Gerüchten zufolge in einer Mietswohnung mit fünfzehn Hunden hauste residierte, um „drollige Dalmatiner, sesshafte Schäferhunde und pummelige Pudel“ (die Chefredakteurin war vor zwei Jahren von RTL zur Hundeschau gewechselt, was man an gewissen Feinheiten auch bemerkt) gehen sollte, abgerundet von einem Evergreen der Hundeszene „Ottos Mops“, dem lyrischen Meisterwerk des Österreichers Ernst Jandl.
Diesen Inhalt galt es nun grafisch umzusetzen und Anja machte sich an die Arbeit. Sie hatte die einzigartige Fähigkeit, Bilder, die sich im Kopf der Leser manifestierten, perfekt umzusetzen und so den Geist einer jeden Ausgabe perfekt auf der Titelseite zu komprimieren. Dies war zumindest ihre Beschreibung, wenn sie jemand nach ihrer Tätigkeit fragte, tatsächlich suchte sie im Internet nach Bildern den jeweiligen Hunderassen und platzierte diese auf der Titelseite.
Doch heute war es anders: Das Horoskop schwebte wie das Damoklesschwert über Anja, sie wagte es nicht, sich ohne Absicherung ihres Freundes für ein Bild zu entscheiden. Dies führte dazu, dass sie unzählige Bilder von essenden Hunden, schlafenden Hunden, spielenden Hunden, duschenden Hunden und laufenden Hunden an ihren Liebsten schickte.
Lukas, anfangs noch entspannt, verlor nach dem 53. Bild eines Langhaardackels, der einem Schmetterling nachjagte, ein wenig die Geduld und schrieb: „Bin gleich in einer Besprechung. Mach einfach was Innovatives! :*“
Diesen Rat nahm Anja sehr ernst. Sie warf ihr über Jahre erarbeitetes Konzept über den Haufen und entwarf etwas Neues, etwas vollkommen Anderes. Nach fünf Stunden konzentrierter Arbeit, in der sie nicht ansprechbar war, machte sich Anja mit einem siegessicheren Lächeln auf den Weg zum Büro von Frau Bloomenburg, der Chefredakteurin.
„Sie wissen ja, seit Jahren entwerfe ich immer die Titelseiten unserer hochgeschätzten Zeitschrift und jedes mal sieht es ähnlich aus. Doch diesmal habe ich einen revolutionären Ansatz gewählt, der ein Blickfang für tausende von potentiellen Lesern sein sollte. Ich habe versucht, den Hund von seiner wilden und angriffslustigen Seite zu zeigen. Und, ohne mich selbst zu sehr zu loben, ich glaube, das ist mir gelungen.“
Schwungvoll klappte Anja ihren rosa Laptop auf, auf dem ein pinker Apfel leuchtete und Frau Bloomenburg starrte entsetzt auf den Bildschirm: Unter der Überschrift „Hundeschau“ erstreckte sich eine Szene, die erschreckende Ähnlichkeit mit der Eroberung der Normandie im zweiten Weltkrieg hatte. Mehre Hunde mit Soldatenhelmen und Gewehren stürmten unter amerikanischer Flagge einen Strand, der mit Explosionen bedeckt war, während vereinzelte Kugeln durchs Bild flogen.

Nach einem etwas einseitigem Gespräch, das in der gesamten Redaktion klar und deutlich zu verstehen war, durfte Anja das Büro verlassen, nun ein Siegerlächeln im Gesicht. Ihre Hände zitterten und es war Zeit für den Feierabend, also verließ sie rennend das Redaktionsgebäude.
Zuhause angekommen wartete Lukas mit einer Familienpizza auf seine Angebetete. Diese verspürte aber einen unangenehmen Anflug von Magenkrämpfen nach diesem stressigen Arbeitstag und so musste Lukas alleine speisen, während Anja zu seinem Leidwesen einen starken Kamille-Ingwer-Tee zubereitete.
Am späten Abend fiel Anja auf der Toilette auf, dass sie zwei verschiedene Arten von Klopapier besaßen. Sofort hallte ihre zarte Stimme durch die Wohnung: „Lukaaaaaas….?“
Lukas missfiel die fehlende Entscheidungsfreudigkeit seiner Partnerin zunehmend….

 

 

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