Zurückbleiben, bitte!

Ja, ich hab länger nichts geschrieben, aber ich habe eine gute Entschuldigung. :’D Zunächst war ich krank,  von meinem unfassbaren Leidensweg werde ich euch noch berichten, dann war ich übers Wochenende in München und genau darum soll es heute gehen, weil es mir Anfang des Jahres auch sehr viel Spaß gemacht hat, über meine Madridreise zu berichten.

Wir fuhren mit dem Taxi zum Flughafen. Weil es war vier Uhr morgens und zu dieser frühen Stunde (ich nenne es mitten in der Nacht) fuhr erstens die Straßenbahn nicht, die ich ansonsten benutze und zweitens hätte es mich vollkommen überfordert, zu dieser Uhrzeit den Weg zur Haltestelle gehend zu koordinieren und dazu noch das Elend meiner Mitmenschen zu ertragen. Also war ich dem Taxifahrer sehr dankbar, der es schaffte, uns lebendig und sogar unverletzt zum Flughafen zu fahren. Auf dem Weg fuhren wir an einem Kostümgeschäft vorbei, in dem werbewirksam im Schaufenster die Halloweenkostüme präsentiert wurden. Darunter waren auch Clownskostüme im Stil von Stephen Kings „Es“. Ich hasse Clowns. Eigentlich hasse ich alles, was mir in irgendeiner Form Angst macht, aber Clowns sind besonders furchtbar. Ich vermeide es, einen Zirkus zu betreten, weil entweder ich an einem Herzinfarkt sterben würde oder ein bedauernswerter Mensch im Clownskostüm einen reflexartigen Aufwärtshaken einstecken würde, wenn er mir zu nahe käme. Wobei ersteres wahrscheinlicher ist, wenn ich so darüber nachdenke…
Angesichts der Tatsache, dass es tatsächlich Leute gibt, die es witzig finden, andere Menschen als Clown verkleidet zu erschrecken oder sogar anzugreifen, muss ich die menschliche Gesellschaft für praktisch gescheitert erklären.

Aber ich drifte ab. Jedenfalls waren wir irgendwann am Flughafen angekommen. Nun wartete der Check-in auf mich, der mich geistig ziemlich forderte, weil mein Gehirn um diese Uhrzeit den Dienst nicht antreten wollte. Und so antwortete ich auf die Frage „Sitzen Sie am Fenster?“ mit einem klaren „Nein!“. Natürlich sitze ich nicht am Fenster, ich stehe doch direkt vor dir, dachte ich mir und dann wurde mir klar, worauf seine Frage abzielte und dass mein selbstwusstes „Nein!“ eher kontraproduktiv war. Glücklicherweise interpretierte der gut gelaunte Mann am Schalter meine Antwort nicht als strikte Ablehnung eines Fensterplatzes und fragte nochmal nach. Zu meiner Ehrenrettung muss ich jedoch sagen, dass die Frage „Wollen Sie am Fenster sitzen?“ mich auch zu dieser Uhrzeit nicht vollends überfordert hätte.
Der Flug verlief relativ ereignislos. Wir flogen mit geschmeidigen 750 km/h in den Süden Deutschlands, während ich beim dritten Teil von Harry Potter in Nostalgie schwelgte.
In München angekommen musste natürlich zunächst das Gepäck im Hotel verstaut werden und dazu das Zimmer begutachtet werden. Alles stellte mich zufrieden und so  ging es dann in die Münchener Innenstadt und zwar ganz klischeemäßig ins Hofbräuhaus. Die kleine Blaskappelle stellte einen mittelschweren Kulturschock da, aber das Bier schmeckte gut! Und die Tische waren mit schriftlichen Erzeugnissen von Gästen aus aller Welt versehen, was überaus unterhaltsam war. Ein Usbeke hinterließ die wundervoll selbstironische Botschaft „Usbekistan is a shitty country, but I love it.“, während andere weniger kreative und offenbar vom Alkohol benebelte Menschen ihr Fachwissen über die Anatomie des männlichen Geschlechtes für die Nachwelt zur Schau stellten.

Auch die öffentlichen Verkehrsmittel wurden von mir ausgiebig getestet. Mir fiel sehr positiv auf, dass die S-, U- und Straßenbahnen allesamt ausgesprochen ruhig sind. Lässt sich sehr angenehm mit fahren, bin ich von der wundervollen Düsseldorfer Rheinbahn nicht in der Form gewohnt.
Sehr amüsiert war ich davon, dass die Ansage der Stationen, zumindest in der S-Bahn, einen leicht bayerischen Dialekt hatte. Ich musste mir vorstellen, wie in meiner Heimat die Stimme einer rheinländischen Frohnatur durch die mit mäßig gelaunten Menschen hallt. 😀
Dazu habe ich noch nie erlebt, dass der Bahnfahrer bei jeder Station persönlich eine Ansage verlauten lässt, man möge bitte zurückbleiben. Das wäre mir schon nach fünf Haltestellen zu lästig.
Selbst der Ticketentwertautomat (ja, das heißt bestimmt so) klingt dominant. Es ist kein zurückhaltendes „Klick“, man spürt förmlich, mit welcher Gewalt der Stempel in das Papier gepresst wird, damit man auch in Jahrtausenden und nach den möglichen Einschlägen mehrerer Meteoriten in die Erdoberfläche erkennen kann, dass dieses Ticket ordnungsgemäß entwertet wurde.

Am ersten Abend fiel mir auf, dass unser Hotel auf einer etwas zwielichtigen Straße lag. Das Hotel war wirklich ausgezeichnet, aber die direkte Umgebung war ein wenig dubios. Es reihte sich eine Spielhalle an die nächste, wobei ich bezweifelte, dass so viele Menschen das Bedürfnis haben, ihr komplettes Hab und Gut zu verspielen, traurig den Laden zu verlassen und das Ganze zu wiederholen. Glücklicherweise war auch eine Bank in der Nähe, dem fälligen Kredit, um seinen Verlust in der nächsten viel erfolgreicheren Runde auszugleichen, stand also nichts im Wege.
Dazu wurde ich Zeuge einer befremdlichen Szene. Zwei Männer standen dicht beieinander und auf einmal rief einer von beiden seinem einige Meter entfernten Freund zu „Ey, hast du noch zehn Euro, der will 50 für 3 Gramm!“. Doch die öffentliche Äußerung von Straßenpreisen diverser bewusstseinserweiternden Substanzen erregte kein größeres Aufsehen.

Natürlich stand auch ein Besuch der Allianz Arena auf dem Programm (das ist keine erzwungene Werbung, die heißt halt so). Die Bayern spielten gegen die Gladbacher und gewannen 2:0. Ich könnte euch jetzt einen ausführlichen Spielbericht liefern, aber das können andere Portale besser als ich und das ist auch nicht der Punkt dieses Beitrags. Jedenfalls waren wir recht früh da und auf dem Weg zum Stadion wurden wir von Werbesklaven der Telekom in rosa T-Shirts abgefangen, die uns darauf aufmerksam machten, dass Telekomkunden in einem Bus am Wegesrand Fangeschenke erhielten. Und zwar eine echte Fahne mit dem Logo des FC Bayern. Eine solche Kostbarkeit lässt mich den Satz „Der Kunde ist König“ endlich wörtlich nehmen…
Leider wurde noch kein Zutritt zum Stadion gewährt und auf dem Rückweg zur Warteposition wurden wir erneut darauf aufmerksam gemacht, dass Telekomkunden in einem Bus am Wegesrand Fangeschenke erhielten. Ja, das hatte ich tatsächlich schon beim ersten Mal verstanden, aber ich konnte eine solch wertvolle Gabe einfach nicht annehmen. Ein schöneres Geschenk wäre schnelles Internet für alle, das störungsfrei läuft, aber ich glaube, meine Ansprüche sind einfach zu hoch.

Am nächsten Tag, erholt vom Adrenalinrausch des Livespiels, wurde die Stadt gründlich erkundet und für gut befunden. Gut, es hat mich irritiert, dass sich ein Inlineskater in der Innenstadt an die Straßenbahn ging, um schneller unterwegs zu sein. Ich hatte sofort eine befehlsartige Ansage erwartet, er solle die schöne Straßenbahn nicht mit seinem Leib beschmutzen, außerdem hätte er ja eh nicht den Fahrtpreis bezahlt. Aber von der Seite des Fahrers wurde es entweder nicht gemerkt oder schweigend zur Kenntnis genommen, während er sich darauf konzentrierte, die Insassen nicht in den Tod zu fahren und auch die übrigen Passagiere blieben unbeeindruckt. Vereinzelt wurde kurz aufgeblickt, aber die Situation war offenbar keine weitere Aufmerksamkeit wert. In Bayern ist vieles anders, wurde mir klar.

Der Rückflug verlief relativ unspektakulär. Nur überschattet von einem tragischen Einzelschicksal, als eine zur menschlichen Barbiepuppe transformierte Frau ihre Louis Vuitton Tasche ins Gepäckabteil hob und dabei einen ihrer zehn Meter langen Fingernägel beschädigte, während ihr bauchfreies und offenbar im Wäschetrockner auf ein ungesundes Maß zusammengeschrumpftes Top gefährlich spannte. Doch sie blieb von weiteren Schicksalsschlägen verschont, was mich zutiefst beruhigte.

Ja, es war wirklich ausgesprochen schön in München, ich würde jederzeit zurückkehren. Trotzdem war ich froh, als ich meine wunderschöne Stadt an der Düssel wieder betrat und mich niemand in der U-Bahn aufforderte: „Zurückbleiben, bitte!“

4 Kommentare zu „Zurückbleiben, bitte!

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