Inmitten von Ich-Menschen

An manchen Tagen wird mir schlagartig bewusst, wie psychisch labil ein Großteil dieser Gesellschaft ist. Eigentlich ist das ja nicht mehr der Rede wert, dennoch ist dieser Zustand der allgemeinen Gestörtheit immer wieder besorgniserregend.

Im Straßenverkehr scheint man ein Pilotprojekt gestartet zu haben, bei dem Insassen von psychiatrischen Anstalten Erfahrungen im Straßenverkehr sammeln dürfen, um sich zu integrieren. Falls dem so ist: Es ist gescheitert.
Mir wurde in dieser Woche unzählige Male die Vorfahrt genommen, man schoss mit Vollgas aus Einfahrten heraus oder aber überholte mich in 30er Zonen mit gefühlten 60 km/h. Ich bin es ja gewohnt, dass man im Verkehr der Düsseldorfer Innenstadr den Leitspruch „Wer bremst, verliert“ lebt, aber in dieser konzentrierten Form hat es mich dennoch überrascht. Ich bin sehr froh, noch zu leben und dazu alle meine Gliedmaßen in funktionsfähiger Form zu besitzen.

Ich wohne in einem recht ländlichen und familienfreundlichen Stadtteil. Und deswegen habe ich auch einen guten Einblick in den Wandel der Erziehungsmethoden gegenüber meiner Jugend. Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass alle Kinder laut ihren Eltern hochbegabt sind, aber scheinbar Körper aus Glas besitzen und deswegen vor jedweder Gefahr geschützt werden müssen.
Vor unserer Grundschule befindet sich beispielweise ein drei bis vier Meter langer Zebrastreifen. Man sollte meinen, den könnte ein Grundschulkind gefahrenlos überqueren, zudem handelt es sich nicht um eine Gefahrenstelle, da ein Tempolimit von 30 km/h herrscht. Seit nun etwa zwei Jahren stehen dort aber morgens Mütter in Warnwesten, welche die Straße blockieren, damit jedes Kind den kilometerlangen Zebrastreifen überqueren kann, während die heranrasenden Autos mit heulenden Motoren von den Supermüttern aufgehalten werden…
Auch beim alljährlichen Martinszug wurde mittlerweile die Sicherheitsstufe „Denkt an die Kinder!“ eingeführt. Um einen reibungslosen Ablauf des Zuges zu gewährleisten, wird ein Seil (!!!) durch den gesamten Zug gespannt, an dem sich die Kinder festzuhalten, um sich nicht…. zu verlaufen. Denn man ist sich dessen gar nicht bewusst, aber bei einem langsamen Gang durch den Stadtteil kann man sich schneller verlaufen, als man denkt. Da ist man einmal unaufmerksam, biegt falsch ab und schon ist man in Norwegen. Oder wurde überfallen. Insofern, Gratulation für diese Vorsichtsmaßnahmen.

Darüber hinaus scheint der Hintergrund für diese paranoiden Sorgen darin zu liegen, dass die verletzliche Hülle eines jeden Kindes einen genialen Geist enthält. Wenn ich so manchen Eltern zuhöre, erwartet uns eine Generation von Genies, die jedes Problem der Menschheit zu lösen vermag. Und deswegen ist es auch vonnöten, dass jedes Kind ein Gymnasium besucht. Dies muss es sich jedoch nicht durch gute Leistungen verdienen, denn der Unterricht ist ja „völlig unterfordernd“. Genau, daran liegt das mit den teilweise schlechten Noten. Und dann müssen sich studierte Lehrer (Ok, auch nicht unbedingt ein Zeichen von Kompetenz) von den Eltern einen Vortrag halten lassen, warum ihr Kind das Gymnasium besuchen muss. Wie stünde man denn auch da, wenn der eigene Nachwuchs nur eine Realschule besuchen würde? Lächerlich.

Ich sehe jedoch keine Generation von geistigen Überfliegern auf uns zukommen. Eher eine Generation von überempfindlichen Ich-Menschen. Und das bereitet mir Sorgen.

 

3 Kommentare zu „Inmitten von Ich-Menschen

  1. Das mit dem Gymnasium stimmt, aber ansonsten… als jemand, der selber unter einer psychischen Krankheit leidet, fand ich den ersten Abschnitt nicht besonders komisch. Und zu den Müttern in Warnwesten: Neben meiner Arbeitsstelle befindet sich eine Grundschule. Da gibt es auch ein Tempolimit… an das sich aber niemand hält, alle Autos rasen da durch. Mir wird regelmäßig schlecht, wenn ich daran denke. Da wären Warnwestenmütter mal vonnöten.

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    1. Deinen ersten Punkt kann ich nachvollziehen, aber das ist meine Art von Humor. Übertreibung und Unsachlichkeit gehören da fest dazu, von daher kann ich verstehen, dass du das nicht lustig findest, aber ich werde meinen Humor keinen Grenzen unterwerfen. Zu oft stellt man sich in dieser Gesellschaft die Frage „Darf er das?“, um Chris Tall zu zitieren und seine Meinung zu diesem Thema finde ich in humoristischem Sinne sehr wertvoll. Humor darf sehr viel, ich nehme mich da selbst auch nicht aus.

      Und zum zweiten Teil. Mir ist bewusst, dass es durchaus Orte gibt, die ein hohes Gefahrenpotential bieten, dieser hier gehört aber nicht dazu. Es handelt sich um eine Straße, die in beide Richtungen gut einsehbar ist und das Verkehrsaufkommen ist niedrig, um es vorsichtig auszudrücken. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass es zu meiner Grundschulzeit auch nur einen Unfall an dieser Stelle gab.

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      1. Ich bin dir jetzt auch nicht böse oder so, ich wollte nur meinen Standpunkt klarstellen.
        Wenn das Gefahrenpotenzial niedrig ist, ist es gut. (Bei der von mir erwähnten Stelle ist es aber leider nicht so.)

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