„Wie mach‘ ich das? Das kann ich nicht!“

Wenn es etwas gibt, das mir Sorgen macht (neben den dreitausendfünhundertvierundneunzig anderen Dingen), dann der Mangel an Selbstständigkeit in unserer Gesellschaft. Es existieren viel zu viele Menschen, die entweder zu faul sind, sich selbst Lösungen von Aufgabenstellungen oder Problemen zu erarbeiten oder einfach kapitulieren und sich damit trösten, angeblich nicht dazu in der Lage zu sein. Und letzteres ist sehr bedenklich.
Diese Erfahrung zieht sich bisher durch meinen kompletten Lebensweg (ein Wunder, dass ich immer noch nicht in eine einsame Waldhütte gezogen bin).
Mein Problem ist ja nicht, wenn man etwas nicht versteht, das passiert jedem mal. In ganz außergewöhnlichen Situationen auch mir. 😀 Nein, das Problem ist die vollkommene Kapitulation vor einer neuen Aufgabe, sofern man nicht den Lösungsweg vorher tausendfach durchgekaut hat. Ob nun in der Schule, auf der Arbeit oder Ausbildung, überall stoßen viel zu viele Menschen an ihre kognitiven Grenzen, sobald eine Aufgabe es verlangt, neue Fähigkeiten zu erlernen und anzuwenden.

Dies wird ganz deutlich im Angesicht kommender Prüfungen. Mittlerweile scheint sich in unserer Gesellschaft die Ansicht durchzusetzen, Lehrkräfte wären dafür verantwortlich, Prüflinge mit allen Mitteln durch kommende Klausuren zu schleusen. Eine Prüfung soll aber immer noch, man mag es nicht glauben, Kenntnisse und Leistungen durch Aufgabenstellungen feststellen. Und nicht bloß eine Überprüfung des Kurzzeitgedächtnisses sein. Zugegebenermaßen, unser Schulsystem ist für diese Art des Lernens mitverantwortlich, doch ich finde es traurig, dass dabei alle mitziehen. Manchmal wird man ja schon schief angeguckt, wenn man etwas weiß, was nicht direkt für irgendeine Prüfung gefordert ist. Erinnert mich teilweise an die Zeit der Inquisition. „Wieso weißt du sowas? Verbrennt die Hexe!!1!einself!“

Die gesamte Inkompetenz zum Menschen kommt aber zum Tragen, wenn sich viele Menschen zusammenfinden. Der zweite Teil des Wortes „Schwarmintelligenz“ erscheint mir allzu häufig wie ein Euphemismus. Denn intelligent ist das Handeln einer Menschenmasse selten.
Um dieser These zuzustimmen, muss man aktuell nur seine Startseite bei Facebook betrachten. Ich bin mir sicher, ihr werdet auch häufig diesen Text bei anderen Leuten vorfinden:

Wenns sogar im Radio kommt erkläre ich hiermit folgendes: Heute 04.Juli 2016, in Reaktion auf die neuen Facebook Richtlinien. Gemäß den Artikeln l. 111, 112 und 113 des Strafgesetzbuchs, geistiges Eigentum, erkläre ich, dass meine Rechte an allen meinen persönlichen Daten, Zeichnungen, Bilder, Texte etc… nur bei mir liegen. Veröffentlicht auf meinem Profil ab dem Tag, an dem ich mein Konto erstellt habe. Die kommerzielle Nutzung erfordert vorher meine schriftliche Genehmigung !
Jeder kann diesen Text kopieren und einfügen in seiner persönlichen Facebook-Seite. Damit bist du unter dem Urheberrecht. Mit diesem Post lässt du Facebook wissen, dass das veröffentlichen, vervielfältigen, verbreiten, senden, oder auf irgendeine andere Weise Content aus deinem Profil streng verboten ist. Die oben genannten Artikel sind auch für Arbeitnehmer, Studenten, Agenten und / oder — anderes Personal im Dienst von Facebook.
Der Inhalt von meinem Profil enthält private Informationen. Die Verletzung von meinem Privatleben wird bestraft unter Berücksichtigung des Gesetzes (UCC 1-308 1-308 1-103 und dem Statut von Rom).
Alle Mitglieder sind eingeladen, einen ähnlichen Beitrag zu setzen, oder wenn du willst, kannst du diese Nachricht kopieren und einfügen. Wenn du diese Erklärung nicht mindestens einmal veröffentlichst, wirst du stillschweigend zulassen, dass deine Fotos, sowie die Informationen in deinem Profil verwendet werden dürfen.
(nicht teilen. Du musst kopieren und einfügen)

Alles in diesem Text ist einfach vollkommener Bullshit.

  1. Die aktuellen Facebook-Richtlinien gelten seit Januar 2015. Gut, in der Zeitrechnung des Berliner Flughafens könnte man das als ziemlich kurzfristig bezeichnen, in der normalen Welt ist daran aber nichts neu.
  2. Während der Anmeldung bei Facebook stimmt man den AGB zu. Ja, ich weiß, sowas liest keiner, aber man tut es trotzdem. Und ein Widerspruch in Form eines Facebookpostings ist schon alleine deswegen sinnlos, weil man sich mit der Nutzung eben innerhalb dieser AGB bewegt.
    Wäre ich Rechtsanwalt und jemand würde zu mir kommen und wegen eines solchen Falls mit meiner Hilfe Facebook verklagen wollen, ich würde mein zweites Staatsexamen zurückgeben und für immer verschwinden…
  3. Das StGB enthält Artikel und keine Paragraphen!
  4. §§ 111 und 113 StGB behandeln die öffentliche Aufforderung zu Straftaten und den Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. §112 ist darüber hinaus bereits weggefallen. Es ist einfach peinlich, so etwas zu kopieren, ohne auch nur im Ansatz nachvollziehen zu wollen, was der Inhalt überhaupt bedeutet..
  5. UCC 1-308 1-308 1-103 ist ein Handelsgesetz aus den USA und das Statut von Rom ist für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag von Bedeutung. Klar, Facebook wird auf jeden Fall vor dem IStGH verklagt, weil eure Duckfacebilder öffentlich gemacht werden…

Ich hoffe, ihr versteht, worauf ich hinauswill. Dieser Beitrag ist einfach nur irrelevant. Das Erschreckende ist jedoch, dass die Leute sowas einfach stumpf kopieren. Ein einfaches Nachschlagen der entsprechenden Paragraphen hätte ausgereicht.

Denselben Effekt hätte dieses Bild gehabt:

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Ich meine, das ist immerhin ein Einhorn. Alleine diese Tatsache macht es schon ungleich sympathischer als den Wortsalat oben…

Ok, genug aufgeregt für heute, eigentlich bin ich ja gut gelaunt. :3 Bis zum nächsten Mal!

16 Kommentare zu „„Wie mach‘ ich das? Das kann ich nicht!“

  1. Danke!!!!
    Ich bin nicht bei Facebook, aus Prinzip, aber ich habe diese Sache mitbekommen und mir ging es wie dir beim Lesen! Das ist wieder ein Fall von: „Ich bin besonders schlau und wehre mich!“ und die anderen „Schlauen“ wollen eben auch zeigen, was sie drauf haben, also wird einfach drauf los kopiert. Ehrlich: Da ist fremdschämen wohl eine normale Reaktion! Das ganze ist so dämlich, dass man eigentlich darüber lachen sollte, aber irgendwie…. mir macht es Angst! Wo soll das noch hinführen?!

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  2. Bei dem ersten Abschnitt dieses Artikels musste ich an den Vater meines Mannes denken, der sich nach wie vor weigert, irgendwie Ahnung von Computern zu haben. Und sei es so was Einfaches wie der Ort, an dem der Schlüssel fürn Router steht. (Ja, ich weiß, das hat recht wenig mit dem Artikel zu tun, scheiß drauf.)
    Der Artikel war auf jeden Fall gut.

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    1. Jeder Input von dir ist top! :3
      Aber das kenne ich leider auch. Entweder wird die moderne Technik strikt abgelehnt oder man hat zu viel Angst, was kaputt zu machen.
      Und danke für dein Lob! 😀

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      1. Awww, stop it you.
        Ich würde ja jetzt sagen, dass diese Technikverweigerer vor allem ältere Menschen sind. Aber dann verstehe ich nicht, warum meine Großeltern mit mir mittlerweile vor allem E-Mails schreiben.

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      2. Das auf jeden Fall! Es kommt immer darauf an, ob und wie man einen Bezug dazu bekommt. Bei mir war das Interesse immer da. :’D Aber zu spät ist es dafür nie.

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      3. Das stimmt. Aber was dem einen hilft, einen Bezug zu geben, muss dem anderen nicht helfen. Ich habe zum Beispiel mal gesehen, dass eine über 80jährige Frau gelernt hat, wie man E-Mails schreibt, weil ihre Enkelin nach Afghanistan ging. Das würde bei Monsieurs Eltern nie helfen.

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  3. Grundsätzlich finde ich es ja gut Firmen zu einem weniger fiesen Handeln bewegen zu wollen. Daher vermute ich ja irgendwie, dass diese Textchen von Facebook selbst stammen, denn irrelevanter kann ein Protest nicht sein: Die einen denken, sie hätten damit ausreichend fertig protestiert – und die anderen kommen aus dem Staunen eben darüber gar nicht mehr raus.

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