„Alternative“ Lernmethoden

Seit einigen Jahren versucht man, vom stumpfen Frontalunterricht abzurücken und neue, pädagogisch angeblich unglaublich wertvolle Methoden zu etablieren, die den individuellen Ansprüchen jedes Schülers gerecht wird. Mit Erfolg? Nein.

Der Klassiker unter diesen alternativen Lernmethoden ist die Gruppenarbeit. Seit langer Zeit hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Gruppenarbeiten effizienter sind als der einfache Vortrag durch den Lehrkörper. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Das ist Bullshit. In der Theorie hört sich das noch sehr überzeugend an: Jeder Schüler kann seine Stärken einbringen, schwächere Schüler profitieren von den stärkeren, das soziale Miteinander wird gefördert und das Ergebnis ist ein souveräner Vortrag, der dem ganzen Kurs neues Fachwissen vermittelt.
In der Praxis sieht dieser Prozess leider anders aus: Ein bis zwei Gruppenmitglieder erledigen die gesamte Arbeit, während der Rest seine virtuelle Identität pflegt, indem Selfies mit den Hashtags #work #school #groupwork #imtoosmartforthisworld auf Instagram veröffentlicht werden, wobei im Bestfall nur einer der englischen Begriffe einen Rechtschreibfehler enthält.
Nachdem das Ergebnis erarbeitet wurde, weigern sie diejenigen, die tatsächlich etwas für die Gruppe getan haben, das Ergebnis zu präsentieren, da sie immer noch der naiven Ansicht sind, in einer Gruppe sollte die Aufgabe gemeinsam angegangen werden und können auch nicht durch die übrigen Mitglieder durch so eloquente Bitten wie „Ey, du hast den Scheiß doch voll drauf, schwöre (Interessant ist hierbei, dass das Pronomen „ich“ vollkommen im „sch“ von schwöre aufgeht)“ überzeugt werden, ebenso wenig wie durch die subtile Andeutung, in der nächsten Pause einer genaueren Prüfung ihrer finanziellen Situation unterzogen zu werden, was von so manch scharfsinniger Pausenaufsicht als Diebstahl ausgelegt werden könnte.

Und so kommt es dann, dass all diese argumentativen Höchstleistungen fruchtlos bleiben und am Ende ein stotternder Vortrag folgt, dem man anmerkt, dass er nicht nur frei von jeglichem Fachwissen ist, sondern der Vortragende auch Schwierigkeiten hat, Sätze zu begreifen, die sich über mehrere Textzeilen erstrecken und zudem auch noch Fachbegriffe enthalten.
Und wer hat nun von der Gruppenarbeit profitiert? Die wenigen Leute, die das Ergebnis erarbeitet haben und sowieso verstanden hätten, der Rest weiß nun noch weniger als bei der konventionellen Art des Unterrichts.
„Alternativ“ ist eben nicht gleichbedeutend zu „besser“. Das Lenkrad bei 180 km/h auf der Autobahn loszulassen ist auch eine alternative Art des Autofahrens. Der Erfolg ist dem der Gruppenarbeit ähnlich.

Was aber die Gruppenarbeit auf der Bullshitskala noch weit hinter sich lässt, ist das „Schreiben nach Gehör“. Dabei dürfen Schüler in der ersten bis meines Wissens nach dritten Klasse Worte so schreiben, wie sie es für richtig halten und sollen nicht verbessert werden, nur um ihnen dann ab der vierten Klasse die korrekte Rechtschreibung zu vermitteln, was sich durch die falschen Schreibweisen, die mittlerweile verinnerlicht wurde, wahrscheinlich herrlich schwer fällt. Diese Methode soll die Kinder dazu ermutigen, viel zu schreiben, da sie keine Angst vor Fehlern und der folgenden Korrektur haben.
Ich hätte nicht erwartet, dass studierte Menschen sich tatsächlich so einen Unsinn ausdenken können. Diese Kinder werden sicher keine Bestsellerautoren, wenn sie zwar in den ersten drei Jahren wild vor sich hin schreiben dürfen, aber dann den ungleich schweren Weg gehen müssen, ihre Schreibweise komplett über den Haufen werfen und frustriert alle Regeln unserer Rechtschreibung lernen zu müssen. Aber diese Methode zeigt deutlich, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Zeigt den Kindern bloß nicht, dass sie auch Fehler machen! Das ruiniert ihr Selbstbewusst sein bestimmt enorm. Meiner Meinung nach sind Fehler und die daraus folgende Selbstreflexion elementar für jeden Lernprozess. Nur derjenige, der Fehler aufgezeigt bekommt und das auch akzeptiert, kann sich verbessern. Aber mich fragt ja niemand…
Das ist genau der gleiche Unsinn wie die Kritik an den Bundesjugendspielen, bei denen die Kinder je nach eigener Leistung verschiedene Urkunden bekommen. Und nur weil einige der selbsternannten Übermütter nicht einsehen wollen, dass ihr Kind kein zukünftiger Profisportler und sowieso in jedem Bereich des Lebens perfekt ist, muss eine sehr sinnvolle und unterhaltsame Tradition darunter leiden (Ich hab auch fast immer nur eine Teilnahmeurkunde bekommen. Hab ich mich ungerecht behandelt gefühlt? Nein. Hatte ich das Gefühl, nicht mehr daran teilnehmen zu wollen? Im Gegenteil, es hat mich eher motiviert).

Mir bangt es vor der Vorstellung, was passiert, wenn diese in Watte gehüllten Kinder auf die Welt der Erwachsenen losgelassen werden und sich gleich schlecht behandelt fühlen, wenn ihre Arbeit kritisiert werden. Oder noch schlimmer, es gibt einfach keine Kritik oder Leistungsbewertung mehr. „Oh, Herr Fluglotse, Sie haben zwei Passagierflugzeuge auf dieselbe Route geschickt und es sind bei der Kollision alle Insassen gestorben. Das macht ja nichts, Sie werden jetzt erstmal befördert!“

Ich glaube, ich sollte tatsächlich eine Hütte in einem abgelegenen Wald bauen. Nur für alle Fälle…

19 Kommentare zu „„Alternative“ Lernmethoden

  1. Ich habe die Bundesjugendspiele irgendwann boykottiert. Da konnte ich auch damit leben, der Turnbeutelvergesser zu sein. Ansonsten habe ich sehr gelacht. Merke: „Alternative“ Lehrformen machen nur dann was besser, wenn die SuS sie gelernt haben. Und jetzt finde man das Paradoxon. 🙂

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    1. Toll ist auch, wenn es ein großes Sportfest gibt und man gezwungen wird, mitzumachen, weil die Schule für jedes erstrampelte Sportabzeichen Geld bekommt. Richtig toll ist dann, wenn man gezwungen wird, mitzumachen, obwohl man bei einer Disziplin nicht antreten und also auch nicht das Sportabzeichen kriegen kann.

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      1. Wie mies. :/ Ist natürlich super, wenn man unter der Raffgier seiner Schule leiden muss, die leider Gottes verständlicherweise Gels braucht, aber das wirklich nicht zu Lasten der Schüler machen darf.

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  2. Ich stimme dir voll zu. Ich möchte nur noch ergänzen, dass Gruppenarbeiten vor allem für Außenseiter richtig toll sind. Die Leute machen einen runter, wenn man was sagt, und wenn man nichts sagt. Und man redet nur das Allernotwendigste, was aber natürlich längst nicht ausreicht.

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    1. Oh ja, da hast du leider recht. Das waren teilweise auch die absoluten Spezialisten, die meinten, einem den Mund verbieten zu wollen. Heute kann ich über die nur lachen, damals eigentlich auch, war aber gefährlich und anstrengend.

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      1. Das waren auch die Leute, die glaubten, unglaublich viel über meine Beziehung zu wissen, ohne dass das stimmte. Und eine von ihnen hat mir Aufmerksamkeitshurerei vorgeworfen. Ich musste dann sehr lachen, als ein guter Kumpel ihr im Vollsuff genau das an den Kopf warf. Hach, Schule.

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      2. Mit solchen Erlebnissen kann man glaube ich ganze Bücher füllen. Ich glaube, da werde ich auch noch einiges aufarbeiten können, was viel Unterhaltungspotential bietet, aber gleichzeitig auch echt traurig ist und Kopfschmerzpotential bietet.

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  3. Danke!!!! Für diesen Beitrag! Ich kann dir und den anderen Schreibern nur zustimmen! Auch zu meiner Schulzeit gab es diese „sinnvollen“ Gruppenarbeiten schon. Manche Lehrer waren ja schon nahezu besessen von diesem Blödsinn! Leider war ich immer so blöd, mir die ganze Arbeit aufdrängen zu lassen, die ich allein viel besser gekonnt hätte, und wohl auch weniger Schaden genommen hätte… Immer „durfte“ ich das Ergebnis präsentieren, ich konnte eben nie Nein sagen. Und das wussten alle schnell. Das Positive darab: Ich hab nen Schulabschluss 😉 Die blöde Folge dieser „Lernmethode“: eine fette Sozial Phobie. Wirklich sehr wertvoll und hilfreich fürs ganze Leben, diese alternative Lernmethode!

    Grüße!
    Sascha

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  4. Wir versuchen uns schon seit der Steinzeit zu optimieren. Klappt leider nicht immer. Das was Du sagst, trifft auch auf Arbeitskreise bzw. Workshops zu.
    Siehe auch den Trend zum „Markt der Möglichkeiten“.
    Aber wer weiß, vielleicht wird noch Alles gut!

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      1. Den Spruch hatte ich auch im Sinn. Nicht ganz so nett wie der, dass derjenige der meint, dass ein Team-Leiter ein Team leitet, wahrscheinlich auch daran glaubt, dass ein Zitronenfalter, Zitronen faltet.
        Ketzerische Frage am Rande: warum nicht ab Kindern ausprobieren, was schon bei Erwachsenen nicht funktioniert? Vielleicht lernen wir ja mal von den Kindern? 😉

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  5. Ah, ein Reizthema. „Lesen durch Schreiben“ nannte sich dieser gequirlte Schrott, der Kind Nr.2 völlig des Verständnisses beraubte, warum es eine geregelte Rechtschreibung braucht. „fersteet mann doch auch so, Mama“
    Sie hatte das 2 Jahre, dann erfolgte die Rettung dank unseres Umzugs. Allerdings auch der Kampf, nun auf das „althergebrachte“ System umzusteigen.
    Eieiei… es dauerte lange, aber dieses Jahr macht sie ihre Matura und das hoffentlich weitgehend fehlerfrei.

    A propos in Watte packen:
    Gleiche Tochter hatte in der 2. Klasse massive Probleme in Mathematik. Im Zeugnis „Lernziel nicht erreicht“. Hätte man uns über das Jahr mal informiert, hätten wir vlt helfen können, aber es gab keine Tests mit Noten, die hätten unterschrieben werden müssen. Auf meine Beschwerde, nicht informiert worden zu sein, bot mir die Lehrerin an, das Zeugnis neu zu schreiben mit einem „Lernziel erreicht“. Häh???
    Ich verzichtete auf dieses Make&Up, weil ich wollte, dass die Lehrerin an der neuen Schule gleich weiß, was Sache ist. Aber mal ehrlich… was für eine Willkür! Da fragt man sich…

    Und Gruppenarbeit mögen meine Kinder alle nicht. Sie finden es „lästig“. Warum wohl? 😕

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    1. Oh Gott, sowas zu hören, ist echt schlimm. Ich finde es echt unverantwortlich, wie man diese wichtige frühe Bildung von Schulseite aus so vernachlässigen kann. Und hinterher hat man dann die Mühe, das wieder auszumerzen.

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