Schergen der Hölle: Callcenteragenten

Heute beschäftigen wir uns mit einem überaus beliebten Berufsbild: Dem Callcenteragenten. Und damit meine ich ausdrücklich diejenigen, die Kunden aktiv anzurufen, um ihnen jedwede Art von Schrott anzudrehen oder auch Abonnements für eine Serie von Sondermünzen aus Swasiland für nur 399,99 Euro pro Jahr.
Wer im Callcenter arbeitet und dort nur Anrufe von Kunden bearbeitet, möge sich hier nicht angesprochen fühlen. Wahrscheinlich seid ihr von der Inkompetenz der Anrufer eh schon vollkommen abgestumpft, sodass ihr eure Freizeit apathisch auf einem Schaukelstuhl verbringt.

Aber kommen wir wieder zu unserem eigentlichen Thema zurück, den Werbeanrufen. Diese Situation kennt jeder: Man sitzt vor dem Fernseher und guckt Fußball oder isst gerade eine überraschend delikate Mahlzeit oder sitzt einfach der entspannenden Leere in seinem Schädel frönend auf seinem Sofa. Kurz gesagt: Man ist glücklich mit sich und der Welt und möchte in diesem Zustand der simplen Zufriedenheit nicht gestört werden. Und was passiert in solchen Momenten? Das Telefon klingelt. Man nimmt natürlich ab, es könnte ja dringend sein und dies ist ein schwerer Fehler.
Aus dem Tor zur Hölle Telefon dringt eine zur künstlichen Freundlichkeit gezüchtigte Stimme, welche einem das unschlagbare Angebot macht, einen Traumurlaub in Buxtehude zu verbringen, inklusive einer Hafenrundfahrt, die Hamburg zu einer Provinzstadt degradiert. Und dieses Angebot wird mit einer, wahrscheinlich durch unzählige Stromschläge, antrainierten Überzeugung vorgetragen, als hätte das Gegenüber sein gesamtes Leben auf so eine Gelegenheit gewartet. Und nein, dies ist in 99% solcher Situationen nicht der Fall.
Das genervte Opfer muss nun Zeit und Energie darauf verwenden, diesen Menschen abzuwimmeln, was sich durchaus in die Länge ziehen kann. Ich persönlich habe mal einen sehr ambitionierten Menschen erlebt, der mir unbedingt einen Probemonat für irgendein Hörbuchabonnement andrehen wollte:

„Klingt das nicht super?“
„Ehrlich gesagt lese ich lieber Bücher anstatt ihnen zuzuhören.“
„Probieren Sie es doch einfach mal aus, ich versichere Ihnen, das ist derart spannend, man glaubt gar nicht, wie die Zeit dabei vergeht.“
„Ich habe da kein Interesse dran, wirklich.“
„Wissen Sie was? Ich schicke Ihnen einfach den Code für einen Probemonat und denken Sie dran, den auch zu benutzen!“
„Das können Sie gerne machen, ich werde den aber nicht benutzen.“
„Alles klar, viel Spaß mit ihrem Probemonat und einen schönen Tag noch!“

Dann hab ich aufgelegt. Und war schlecht gelaunt. Und das ist genau das Problem, die 180° Drehung von simpler Zufriedenheit zu einem Zustand zwischen Genervtheit und Wut.

Und ja, ich weiß, dass diejenigen, die solche Werbeanrufe tätigen müssen, nicht dafür verantwortlich sind. Sie müssen auch ihren Lebensunterhalt verdienen und haben sich dafür leider einen sehr wenig angesehenen Beruf ausgesucht.
Ich muss mir dabei immer vorstellen, wie es mir in dieser Situation gehen würde. Ich bin eh nicht gerade ein Liebhaber von Telefonaten, was sich durch meine Ausbildung zwar schon deutlich gebessert hat, aber dann noch Menschen in dem Bewusstsein anzurufen, dass man in deren Rangordnung auf diesem Planeten während des Anrufs unterhalb von Hausstaubmilden anzusiedeln ist, würde mich echt fertig machen. Dazu hat man noch einen wahrscheinlich Zigarre rauchenden Chef im Nacken, der das Trommelfell seiner Schergen Mitarbeiter bombardiert, weil sie den Menschen nicht einmal etwas derart Wundervolles wie eine Busfahrt in ein oberbayerisches Dorf mit sieben Einwohnern für nur 499,99 Euro verkaufen können.
So stelle ich mir den neunten Kreis der Hölle vor… Nein, das reicht nicht. Für diesen Arbeitsplatz muss ein zehnter Kreis der Hölle geschaffen werden, in dem man Judas, Cassius und Brutus noch beneidet, die im neunten Kreis der Hölle nur von Luzifer gepeinigt werden, während man selbst Tag für Tag von fremden Menschen beleidigt und mit Anwälten bedroht wird.

Womit wir dazu kommen, dass diese Praxis der Werbeanrufe tatsächlich rechtswidrig ist. Gemäß § 7 Abs. 2 Nr. 2 des Gesetzes für unlauteren Wettbewerb sind Werbeanrufe unzulässig, solange der Angerufene diesen nicht im Vorfeld zugestimmt hat. Man könnte sich also an die Bundesnetzagentur wenden. In meinem Bekanntenkreis soll es auch schon von Erfolg gekrönt gewesen sein, mit dieser Behörde zu drohen. Hab ich persönlich aber noch nicht ausprobiert, da ich Werbeanrufe meist an der Nummer erkenne, Abweise und die Nummer meiner Sperrliste hinzufüge. Diese ist mittlerweile wahrscheinlich schon länger als die Liste der Kfz-Kennzeichen in Deutschland.

Schön sind auch die Art von Werbeanrufen, welche sich als Umfragen tarnen, um dann am Ende den verwirrten Kunden mit einem Werbeangebot zu überraschen, dass scheinbar perfekt auf ihn zugeschnitten ist.
So habe ich mich mal mit einer Engelsgeduld zehn Minuten lang über Zeitschriften unterhalten, wobei ich auch naiverweise nicht geahnt habe, dass man mir natürlich etwas verkaufen will. Am Ende stand das Ergebnis, das ich seriösen Sportjournalismus mit tiefergehenden Reportagen schätzen. Und was wurde mir angeboten? Ein Abonnement für die Sport Bild. Ziel verfehlt.

Also, an alle Callcenteragenten: Respekt, euch kann wahrscheinlich nichts mehr schocken. Aber bitte, ruft mich einfach nicht an!

 

 

10 Kommentare zu „Schergen der Hölle: Callcenteragenten

      1. Leider ist es der erste Teil einer Trilogie. Der erste Teil ist super! Wirklich perfekt. Hab mich halb tot gelacht. Der zweite Teil ist schwach. Leider.
        Die anderen Bücher sind absolut super. Lullaby gehört zu meinen absoluten Lieblingen.

        Gefällt 1 Person

  1. Hallo! 🙂

    Schön, wieder etwas von dir zu lesen! Ich habe ähnliche Erfahrungen am Telefon gemacht…

    Eine Freundin von mir, die aufgrund einer Behinderung noch keinen dauerhaften Arbeitsplatz hat, sondern immer nur für die Zeit der finanziellen Förderung des Arbeitgebers angestellt wurde, obwohl sie jemand ist, der ernsthaft arbeiten will, wurde vom Jobcenter immer wieder dazu genötigt, sich als Callcenteragent zu bewerben. Ihr erlernter Beruf geht in eine andere Richtung, aber das ist natürlich egal. Nach längerer Zeit und vielen Nötigungsversuchen durch das Jobcenter, hat sie dort mal etwas lauter gesagt, dass sie für kein Geld der Welt eine Arbeit machen würde, deren Ziel ist, Menschen zu belästigen und abzuzocken. Offenvbar war diese Ansage nötig, denn sie erhält nun keine Angebote dieser Art mehr, und mit Leistungskürzungen wird nun auch nicht mehr gedroht. Stattdessen macht das JC jetzt ähnliches mit einer anderen Freundin, ebenfalls behindert. Mal sehen wie das ausgeht! Ich glaube nicht, dass diese Freundin sich das lange gefallen lässt!

    Ich finde deinen Beitrag jedenfalls passend!

    Grüße!

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    1. Da bist du ja wieder. 😀
      Echt krass, sowas zu hören. Dass man vom Jobcsnter aus schon mal weniger begehrte Berufe ausüben muss, ist verständlich, aber sowas ist schon sehr hart. Vor allem, wenn man sich dabei echt schlecht fühlt, Menschen irgendwas verkaufen zu müssen, dass sie weder wollen noch brauchen.

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  2. Solange sie freundlich sind, geht es ja noch. Ich hatte aber auch schon „Callcenter-Agents“ am Telefon, die plötzlich ein wenig wütend wirkten, als ich ihre tollen Angebote ablehnen wollte. Manchmal fragte ich mich, ob das wirklich ein Callcenter war oder ob es irgendeine Mafia auf mich abgesehen hat. 😀

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