Eine Welt voller Weicheier

Ja, auch ich weiß den Luxus zu schätzen, den wir unserer modernen und zivilisierten Welt zu verdanken haben. Aber gleichzeitig hat uns dieser Komfort vom stählernen Jäger und Sammler in eine Menschheit voller verweichlichter Memmen verwandelt.

Das erste Beispiel dafür ist die Zeitumstellung von Winter- auf Sommerzeit und wieder zurück. Seit einigen Jahren geistert es durch die Medien, dass diese Umstellung von sage und schreibe einer Stunde die Ausschüttung von Stresshormonen bewirken und unseren Körper massiv schädigen kann. Ganz ehrlich, es ist eine verdammte Stunde! Das einzige, was mich an der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit aufregt, ist die Tatsache, dass ich als arbeitender Mensch vor Sonnenaufgang aus dem Haus gehe und nach Sonnenuntergang nach Hause komme, was den Eindruck eines Hamsterrades vermittelt, das man nur noch verlässt, um seine sieben bis acht Stunden Schlaf erhalten zu können, ehe das Ganze von vorne beginnt.

Jedenfalls habe ich bisher noch keine stressähnlichen Symptome gespürt, die nach dieser Zeitumstellung auftreten. Aber ein wenig Besorgnis und Panik zu verbreiten, ist natürlich ein ehrbares Ziel unseres investigativen Qualitätsjournalismus.

 Ein weiteres Beispiel für den Mangel an körperlicher und vor allem geistiger Stärke in unserer Gesellschaft (wie Oliver Kahn sagen würde: „Eier, wir brauchen Eier“) sind die „Glucken“. Wer kennt sie nicht, Mütter, die scheinbar glauben, ihre heranwachsenden Sprösslinge müssten 24/7 vor den Gefahren unserer Gesellschaft beschützt werden. Und diese lauern überall: Der Sand auf dem Spielplatz ist dreckig (und damit meine ich nicht das leider tatsächlich oft zu findende Fixerbesteck, welches dort wirklich nicht hingehört. Es sei denn, das Kind soll eine ganz spezielle Laufbahn einschlagen), an jeder Ecke lauern potentielle Vergewaltiger, die Kinder in ihren Van zerren, etc. Alles außerhalb der elterlichen Wohnung, die jeden Tag mehrfach desinfiziert wird, ist kontaminiert. Man könnte meine, unsere Atemluft wäre voll mit HI-Viren, dem Rinderwahn oder dem Ebola-Virus. Und wenn das Kind tatsächlich mal erkrankt, sieht man das natürlich nicht als Zeichen für das völlig unvorbereitete Immunsystem des kleinen Menschen, sondern als Warnung, dass man noch viel zu unvorsichtig war und man sofort einen Dekontaminationsanzug kaufen sollte und dazu noch eine Schleuse für die heimische Wohnungstür, um das Eigenheim frei von jedweden Krankheitserregern, nein, jedwedem nichtmenschlichen Leben zu halten.

 Auch die Arbeitsmoral scheint bei einigen Menschen stark durch die bloße Angst vor körperlichen Leiden eingeschränkt zu werden. Wie oft erlebt man tage- oder wochenlange Fehlzeiten aufgrund allgemeinen Unwohlseins, Magenschmerzen oder ähnlichem.
Abgesehen von Krankheiten, die jemanden tatsächlich außer Gefecht setzen, gibt es genug Leute, die eine komfortable Arbeitssituation, beispielweise im öffentlichen Dienst, auch gnadenlos ausnutzen. Es ist ja auch echt zu viel verlangt, für sein Geld arbeiten zu müssen und der Jahresurlaub ist viel zu gering, da kann man mal ein paar Wochen im Jahr krankfeiern. Zum Leidwesen der Kollegen, die pflichtbewusst zur Arbeit erscheinen und den übriggebliebenen Berg an Arbeit bewältigen müssen.
Auch die Verspätungen auf der Arbeit oder in der Schule sind teilweise erschreckend. Natürlich ist es angenehm, ausschlafen zu können. Aber wenn man Verpflichtungen hat, hat man verdammt noch mal auch dementsprechend pünktlich am der jeweiligen Stelle zu erscheinen. Alles andere ist undiszipliniert und unfair gegenüber denen, die pünktlich erscheinen und sollte mit mehreren Peitschenhieben bestraft werden. Ja, das ist vollkommen angebracht!

 Diese Entwicklung macht mir tatsächlich Sorgen. Überall wird uns unser Hintern hinterhergetragen (Ha, geniales Wortspiel!), man wird quasi zur Faulheit ermuntert. Ich sehe uns schon in einer Eiszeit, die Zivilisation bricht zusammen und wir müssen um unser Überleben kämpfen. Und dann heißt es nicht „Nur noch fünf Minuten, dann steh ich auf“, dann wird man froh sein, überhaupt noch aufstehen zu können. Mit allen dazugehörigen Gliedmaßen, die weder gefressen, noch abgefroren sind. Und dann muss der Homo sapiens sapiens seine Position an der Spitze der Nahrungskette erneut verteidigen und das funktioniert nicht, indem man seine Familienpizza bei Lieferando bestellt und sich über den weiten Weg von der Couch zur Tür beschwert.

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