Der Fußballfan – Eine Analyse

Zunächst sei gesagt, ich bin selbst leidenschaftlicher Fußballfan. Es ist ein wunderbarer Sport, erfüllt von Leidenschaft, Schönheit und Kampfgeist.
Dennoch oder gerade deswegen bieten einige Fans ein ungeheures Unterhaltungspotential, das vor allem im Stadion unverfälscht spürbar ist. Zu meiner Entschuldigung sei gesagt, dass die Kraftausdrücke, die in diesem Beitrag folgen, dazu nötig sind, die Authentizität der Fankultur ungefiltert zu vermitteln. Ich bitte diese Obszönitäten zu entschuldigen.
Wenn es auf dem Platz schon hitzig zur Sache geht, ist das doch kein Vergleich zu den Geschehnissen auf den Tribünen. Während sich millionenschwere Fußballer auf dem Platz messen, schallt von der Zuschauermasse die Meinung des gemeinen Volkes auf das Feld.

Nicht selten prallen hier Welten aufeinander, beispielsweise wenn der sensible Ciro Immobile mitanhören muss, wie seine BVB Anhänger ihre „echte Liebe“ zum Ausdruck bringen, indem sie gegnerische Spieler, die es wagen, ihren Schützlingen zu nahe zu kommen, oder gar den Ball zu behaupten, mit rhetorischen Blüten wie „Arschloch, Wichser, Hurensohn – Deine Mutter hatt‘ ich schon“ zurechtweisen. Dies ist in der Tat der Prototyp des Stadiongesangs, quasi der Lieblingsschwiegersohn unter den Diffamierungen. Es wird nicht nur eine erstaunlich eloquente Auswahl an unterschiedlichen Beleidigungen getroffen, nämlich ganze drei!, es wird außerdem die Mutter des Angesprochenen noch mit einbezogen, was für ein ausgefuchster Schachzug!

Doch natürlich werden nicht nur die Fußballer beleidigt, die die Dreistigkeit besitzen, gegen die eigene Mannschaft anzutreten, auch die Anhänger ebendieser gegnerischen Mannschaft sind natürlich ein Haufen verabscheuungswürdiger Geschmacksverirrter und außerdem in hohem Maße asozial.
Als Beispiel habe ich hier eine wahre Blüte ausgesucht, einen Fangesang gegen Bayer Leverkusen. Dieser lautet „Ihr steht auf Schwänze und nicht auf Busen, ihr seid die Fans von Bayer Leverkusen!“.

Hier ist ein wahres Feingefühl für die Psyche des Angesprochenen vorhanden. Die vermeintliche Homosexualität der gesamten Leverkusener Anhängerschaft wird gezielt genutzt, um das Fundament ihres Selbstbewusstseins zum Einsturz zu bringen und ihnen so den unerschütterlichen Glauben an ihre Werkself zu nehmen. Zumindest vermute ich das. Eine derart ausgefeilte Beleidigung muss einen gewissen Tiefgang besitzen.

Bei diesen Fangesängen lässt wieder einmal die erstaunliche Massendynamik des Menschen beobachten. Vereint unter dem Ziel, die eigene Mannschaft zum Sieg zu treiben und die Psyche des Gegners vollkommen zu zerstören, werden selbst vermeintlich harmlose Menschen auf der Südtribüne zu willenlosen Vasallen, die alles sagen würden, was ihnen ihr Vorredner mit dem Megafon mit das Trommelfell zerreißender Lautstärke entgegenbrüllt.

Wenden wir uns nun vom Kollektiv der Fußballfans dem Individuum zu.
Der Fanatiker auf den Stehplätzen in der Fankurve ist natürlich das bekannteste Beispiel. An diesem Ort einsteht ein Großteil der Stimmung. Aber leider besitzt der Großteil der Menschen auf diesen Plätzen ein eher seichtes Gemüt. Fest davon überzeugt, es sei seine Bestimmung, all seine Kraft auf den verehrten Verein zu konzentrieren, wird sich an jedem Wochenende zur Bundesligapartie eingefunden. Ob nun im heimsichen Stadion oder irgendwo in den Untiefen dieser Republik, nach unzähligen Stunden und noch mehr verbranntem Treibstoff.

Und mit dem Betreten des Stadions tritt eine bemerkenswerte Metamorphose ein. War man vorher ein zugegebenermaßen einfältiger Mensch, so wird hier jede Menschlichkeit abgelegt. Es wird in purer Bestialität der Oberkörper zur Schau gestellt (was in manchen Fällen der Strandung eines Blauwals gleicht) und ein Schrei ausgestoßen, der an das Balzverhalten eines Flusspferds erinnert. Sofort tritt ein Tunnelblick ein, der nur auf drei Elemente fokussiert werden kann: „Die verehrte eigene Mannschaft, die verhasste gegnischere Mannschaft und der grässliche Abschaum der gegnerischen Anhänger.
Wie ein Haufen Primaten, die sich um eine Bananenstaude streiten, werden wilde Bedrohungen durch die alkoholschwangere Luft geschmettert und wüste Gesten ausgetauscht. Manege frei, die Show beginnt!

Abseits dieses Kriegsschauplatzes erfreuen sich auch weniger fanatische Menschen an dem Schauspiel auf dem Platz. Der Familienvater, erkennbar an den gefühlten acht Händen, voll mit Würstchen und Cola, versucht, seine Brut zur Vernunft zu bringen und die richtigen Blätze einnehmen. Diese kleinen Menschen neigen dazu, entweder zu weinen, gelangweilt zu seon oder eben so begeistert, dass sie jeden Spielzug nacherzählen, um einem vermeintlich blinden imaginären Freund das Erlebte näher zu bringen.
Bei erfolgreichen Clubs sehr verbreitet ist der Eventfan, erkennbar an dem neusten Trikot, das keinerlei Gebrauchsspuren aufweist, welcher die Spielernamen von der Anzeigetafel ablesen muss und sein geballtes Fachwissen aus dem kicker-Sonderheft bei jeder Gelegenheit zur Schau stellen muss.

Leider oft anzutreffen sind auch die Misanthropen, die jeden Spieler beider Mannschaften als Nichtskönner betiteln, die mit geradeaus laufen schon überfordert sein und überhaupt sei dieses Spiel schon wieder auf niedrigstem Niveau wie bisher jedes in der Saison und eigentlich wolle man gar nicht mehr das Stadion besuchen. Da jedem Spieler auf dem Platz von Beginn an prophezeit wird, einen kapitalen Fehler zu machen, wird die bahnbrechende Leistung, damit bei mindestens einem Akteuer richtig zu liegen, gebührend gefeiert und das eigene Ego ist wieder Mal ausreichend beweihräuchert worden.

Selten zu beobachten ist der Analytiker. Mit wedelnden Armen erklärt er jeden Spielzug bis ins kleinste Detail und wirkt dabei, als wolle er die Flugzeuge am nächstgelegenen Flughafen einweisen.

Man könnte die vollen 90 Minuten damit verbringen, eine Feldstudie des menschlichen Verhaltens zu betreiben, wenn nicht noch ein Fußballspiel stattfinden würde. Wenn man Glück hat, ist das Schauspiel nach 90 Minuten auch noch nicht vorbei. Die Prima… Anhänger auf den Stehplätzen sind bisweilen durch 90 Minuten Geschrei noch nicht ausgelastet und voll mit Aggressionen und Adrenalin. Also wird versucht, die Distanz zu den Kontrahenten soweit zu verkürzen, das ein gepflegter Faustkampf möglich ist. Leider verhindert die Staatsgewalt in diesen Fällen meist eine testosterongeladene Konfronation, also wird all die überschüssige Energie an der Hundertschaft ausgelassen, welche mit gezieltem Schlagstockeinsatz schnell Ruhe einkehren lässt. Lässt sich auch vor dem Stadion kein Straßenkampf beginnen, kehrt bald wieder Ruhe ein. Zumindest für eine Woche, bis die Republik wieder Austragungsort des nächsten Bundesligaspektakels wird.

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