Alltagserlebnis #1: In der U-Bahnstation

Heute werdet ihr hier in den Genuss kommen, einen Bericht über ein Erlebnis zu lesen, dessen Zeuge ich heute wurde. Gekocht im Kessel beißenden Zynismus‘, gewürzt mit einer Prise Fantasie.
Ein junges Pärchen wartete in der U-Bahnstation auf den nächsten Klumpen Metall, der uns Menschen zur nächsten Station unseres belanglosen Lebens führt, die für die meisten nichts als Leid bereithält. Aber ich schweife ab.

Da dieses Sinnbild jugendlicher Liebe in den Umkreis meiner Aufmerksamkeit gelangte, wurde ich Zeuge dieser geistreichen Diskussion über zukünftige Karrierechancen des Männchens.
Daa Weibchen hatte offenbar die dreiste Kritik darüber geäußert, dass der Herr der Schöpfung nicht seine volle Energie darauf verwendet, einer gut bezahlten, prestigeträchtigen Tätigkeit nachzugehen, um sich und seiner Angebeteten den Lebensstandard zu bieten, den sie verdienten.
Jedenfalls schien der junge Mann alles andere als begeistert darüber, dass seine Anstrengungen, einen Nebenjob als Kellner zu bekommen, nicht in ausreichendem Maße gewürdigt wurden. Dabei wurde er zum wahren Poeten mit der Äußerung: „Ich habe mehrere heiße Kessel im Feuer!“ Ob das eine wörtliche Beschreibung seiner zukünftigen Tätigkeit war oder eine geistreiche Umformulierung eines bekannten Sprichwortes, blieb an dieser Stelle unbeantwortet.

Jedenfalls ließ sich die junge Dame von den Ausflüchten ihres Lebensabschnittsgefährten nicht beirren und redete weiter auf ihn ein. Dies schien seine Laune in ein ungeahntes Tief fallen zu lassen, was er auch lauthals zur Sprache brachte: „Bis eben war meine Laune perfekt, aber deine Fresse macht mich echt sauer!“. Irgendwas ließ mich daran zweifeln, dass er vor diesem Gespräch ein Quell der Freude war.
Mit diesen liebevollen Worten bedacht, machte die Dame darauf aufmerksam, dass diese Auseinandersetzung die unbequeme Aufmerksamkeit anderer Fahrgäste auf sie ziehen könnte, was ihr Göttergatte mit der Äußerung abtat: „Deswegen rede ich ja so laut, damit alle merken, wie scheiße deine Fresse ist!“
In seinen Augen spielte sich das imaginäre Szenario ab, in dem er den Mülleimer aus der Verankerung riss und seiner Freundin in die nun oft erwähnte Fresse schlug, in Erwartung, damit möglicherweise etwas zu verbessern.

Dann erreichte jedoch die U-Bahn diesen Ort, was ich als die wahre Erlösung empfand. In diesem gottgleichen Verkehrsmittel verbrachten sie ihre Zeit schweigend, aber friedlich. Zumindest bis zum Zeitpunkt, als ich diesen Ort verlassen musste und meine Reise zu Fuß fortsetzte.

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